17. Mai 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Der Gießener, der Obama fotografierte

Jürgen Schmidt-Lohmann hat schon Barack Obama und Angela Merkel fotografiert. Die Leidenschaft des Gießeners ist aber die Kunst. Genauer gesagt die Gratofafie.
17. Mai 2019, 14:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann

Jürgen Schmidt-Lohmann sitzt an einem der kleinen Tische vor dem Café de Paris. Während der Gießener an seinem Cappuccino nippt, plätschert neben ihm der Fluss. Es ist ein idyllischer Nachmittag am Wieseck-ufer, die Sonne scheint, die Gründerzeithäuser spenden Schatten. »Eine tolle Ecke«, sagt der 61-Jährige und blickt die Straße hinunter. »Dort drüben werde ich meinen Stand haben.« Schmidt-Lohmann ist einer von über 120 Künstlern, die ihre Werke am Sonntag bei »Fluss mit Flair« ausstellen werden. Aber vermutlich ist er der einzige, der seiner Kunstrichtung nicht nur einen eigenen Namen gegeben, sondern auch markenrechtlich schützen lassen hat. Angefangen hat alles vor über 50 Jahren. Mit einem Blick in die Fernsehzeitung.

Schmidt-Lohmann ist in Sulingen geboren und aufgewachsen. »Als ich 17 war, bin ich dann nach Berlin gegangen und habe beim Lette-Verein eine Ausbildung zum Fotografen gemacht.« Das Nordlicht kam in die atemberaubende Spree-Metropole. Die durch die Mauer geteilte Stadt bot dem angehenden Fotografen Motive zur Genüge. Er nutzte die kulturellen Möglichkeiten, besuchte die großen Museen und Galerien in West- und Ostberlin. Der Eiserne Vorhang, der Fernsehturm am Alexanderplatz, der neugebaute Palast der Republik und natürlich die subversive Jugendkultur faszinierten ihn. »Nach der Ausbildung bin ich das erste mal in Hessen gelandet. In Egelsbach habe ich in einem riesigen Toom-Markt als Fotofachverkäufer gearbeitet.« Der 61-Jährige muss beim Gedanken an die Episode lachen. »Ich habe schnell gemerkt, dass mich das nicht weiterbringt.« Und so ging er zurück in seine Heimat, holte in Bremen das Fachabitur nach, arbeitete für einen Fotografen, ging dann nach Hildesheim, wo er visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie und Design studierte, landete schlussendlich in Hannover und machte dort die Meisterprüfung im Fotografenhandwerk. 30 Jahre blieb er in der Niedersächsischen Landeshauptstadt und war mit einem großen Fotostudio selbstständig. Bands wie die No Angels und Bro’Sis buchten sein Studio, für seinen Hauptauftraggeber, die Deutsche Messe AG, lichtete er zudem die Größen aus Politik und Wirtschaft ab. Noch heute ist die Messe sein größter Kunde. »Es ist schon etwas Besonderes, wenn man zum Beispiel Barack Obama fotografiert.« Allerdings hat Schmidt-Lohmann heute eine weitere Anfahrt. Denn seit 2014 wohnt er in Gießen. »Der Liebe wegen«, sagt er mit einem Lächeln. Heute lebt er zusammen mit seiner Lebensgefährtin am Schwanenteich.

Van Gogh statt Beckenbauer

Aber Schmidt-Lohmann ist nicht nur Fotografenmeister und Diplomdesigner, sondern auch Künstler. Dieser Leidenschaft geht er schon seit vielen Jahren nach, der Ursprung liegt in der Kindheit, wie er sagt. »Meine Begegnung mit Kunst begann als zehnjähriger Junge. Meine Eltern hatten eine Fernsehzeitung abonniert, die am Ende ein Bilderrätsel hatte, das sich ›Original&Fälschung‹ nannte. Dort war die doppelte Abbildung eines Gemäldes zu finden, wobei in einer Fehler eingebaut waren.« Doch nicht nur der Rätselspaß erfreute den Jungen, sondern auch die Motive an sich. »Ich schnitt das Original aus, legte mir eine Mappe an und sammelte die Bilder.« Zum Schluss hatte er zwei Aktenordner voll. Während seine Klassenkameraden Uwe Seeler und Franz Beckenbauer bewunderten, hießen die Favoriten von Schmidt-Lohmann van Gogh, Dürer, Rembrandt und Monet. Heute, ein halbes Jahrhundert später, geht er seiner eigenen Kunstrichtung nach. Und die heißt Gratofafie.

Wie es zu dem Namen kam? Schmidt-Lohmann schmunzelt: »Der Name ist mir zugeflogen: Mich hat mal ein kleines Kind gefragt: ›Kannst du mich gratofafieren?‹ Das fand ich so super, dass ich den Namen übernommen habe.« Natürlich ist es nicht nur der kindliche Versprecher, der Schmidt-Lohmann so gefiel. Es ist auch die Passgenauigkeit. Denn in dem Begriff Gratofafie stecken die beiden Hauptelemente seines Wirkens: Grafik und Fotografie. »Meine Bilder entstehen am Computer. Ich mache ein Foto, zeichne dann mit Hilfe von Grafiktablett und Grafikstift die Motive in unterschiedlichen Programmen am Bildschirm. Thematisch geht es meist um Abstraktion und Auflösung.« Konkret heißt das: Schmidt-Lohmann macht zum Beispiel ein Foto eines Porsches oder des Kölner Doms, nimmt dann per Computerprogramm Elemente weg und fügt andere hinzu. Er experimentiert mit Formen und Farben, mitunter verbindet er verschiedene Ergebnisse wieder miteinander. Wer in Schmidt-Lohmanns Portfolio blättert, wird Werke erkennen, die wie reine Gemälde aussehen, bei anderen ist das ursprüngliche Foto noch gut zu erkennen. Der Gießener legt dabei Wert darauf, keiner Stilrichtung zuordenbar zu sein. Und das gelingt: Manche Bilder erinnern an Pop-Art, andere an Expressionismus oder Zeitgenössische Kunst.

Noch ist die Gratofafie mehr Leidenschaft, sein Brot verdient Schmidt-Lohmann weiterhin mit Fotografie, vor allem für die Deutsche Messe. Doch wenn es nach ihm geht, soll das Pendel bald in die andere Richtung ausschlagen. Unabdingbar dafür sind Verkäufe. »Fluss mit Flair« ist ein Baustein auf diesem Weg. Generell sei es aber eher so, dass die Besucher der Kunstmeile vor allem das Flair schätzen würden, die Kunst eher als nettes Anschauungsmaterial betrachteten. Nach dem Motto: Viele gucken, wenige kaufen. Aber wer weiß: »Letztes Jahr hat mir ein Kunde kurz vor dem Abbauen mehrere Bilder abgekauft. Wunderbar«, sagt Schmidt-Lohmann. Vielleicht sind am Sonntag ja wieder Besucher dabei, die nicht nur an Fluss und Flair interessiert sind, sondern auch an Gratofafie. (Fotos: Schmidt-Lohmann/ep)



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