13. Januar 2019, 18:12 Uhr

Der Kosmos der Hopfengarten-WG

Sie war die erste WG für Menschen mit Demenz in Hessen. Für zwölf Senioren ist das Haus im Hopfengarten in Rödgen eine Alternative zum Pflegeheim. Das Konzept hat sich seit 2006 bewährt, aber dennoch gibt es wenig Nachahmer. Das liegt daran, dass es selten geeignete und finanzierbare Wohnobjekte gibt – und die Angehörigen eine wichtige Rolle spielen.
13. Januar 2019, 18:12 Uhr
Geburtstagsfeier in der Demenz-WG. Rück- und Ausblicke zählen nicht mehr, aber alle erfreuen sich an der Kaffeetafel. (Foto: Schepp)

Sahnetorte, Hefestückchen, Schokokuchen. Sobald der Tisch gedeckt ist, sind alle da und greifen zu. Die älteste Bewohnerin des Hauses hat Geburtstag. Sie wird 94 Jahre alt. Das spielt für sie und die anderen der Runde aber keine große Rolle, denn die Festgesellschaft ist an Demenz erkrankt. Die Senioren genießen das Kaffeetrinken und singen ein Lied. »Die Mahlzeiten sind für die Bewohner wichtig«, sagt Stefan Kühn, der Koordinator des Hauses. Sie geben dem Tag eine Struktur, über das Essen wird gesprochen, Erinnerungen werden ausgetauscht. Diese ungewöhnliche Wohngemeinschaft gibt es seit 2006. Sie wurde von Angehörigen gegründet, die Mutter oder Vater nicht mehr zu Hause versorgen konnten und eine Alternative zum Pflegeheim suchten. Im Hopfengarten 13 existierte zu dieser Zeit eine Pflegeeinrichtung, die den formalen Anforderungen an ein Alten- und Pflegeheim nicht mehr genügte und vom Versorgungsamt geschlossen wurde. Angehörige dort lebender Senioren entschieden sich damals dafür, das Haus in Eigenregie zu betreiben.

Damit das auch funktioniert, entwickelte man ein Konzept, das auf verlässlicher Arbeitsteilung basiert. Sie mieteten das Haus und holten Stefan Kühn ins Boot, der zu der Zeit den die Familien- und Seniorendienstleister »Hilfe mit Herz« betrieb. Kühn ist immer noch Koordinator. Im Auftrag der Angehörigen, sorgt er dafür, dass im Haus alles rund läuft. Es gibt Mitarbeiterinnen für die Hauswirtschaft, zudem kommt der Pflegedienst »Bunte Hummeln« täglich, und für die nächtliche Betreuung haben die Bewohner (bzw. deren Angehörige) ebenfalls Hilfskräfte engagiert. Dass nicht alles in einer Hand liegt, sondern die Versorgung auf mehreren Säulen basiert, erfordert zwar ein hohes Maß an Abstimmung, aber es gewährleistet auch eine gegenseitige Kontrolle, was letztlich allen zugute kommt. Auch ein Hausarzt schaut regelmäßig nach den Bewohnern.

Trotz des überdurchschnittlichen Personalschlüssels werden die Wohn- und Betreuungskosten vergleichsweise niedrig gehalten. Sie entsprechen mit etwa 3200 Euro (von denen etwa 1800 Euro selbst aufgebracht werden müssen) dem mittleren Standard eines Pflegeheims. Der Unterschied zur Einrichtung eines großen Trägers ist bei der privaten Initiative die individuelle Betreuung. Die Mitarbeiter können sich Zeit nehmen für jeden einzelnen. Zusätzliche Betreuungsstunden werden unter anderem ermöglicht durch die Stiftung »InVitatio«, die regelmäßig spendet. Kürzlich überreichte Vorsitzende Carmencita Hartwig einen Scheck über 4000 Euro. Mit dem Geld werden unter anderem »Exklusivzeiten« für jeden einzelnen ermöglicht, zum Beispiel Massage und Wellnessanwendungen. Ein solcher »Luxus« ist im normalen Budget meist nicht enthalten.

Dasselbe Konzept wie in Rödgen gibt es auch in der »Villa Lichtblick« in Heuchelheim. Auch dort ist Kühn als Koordinator angestellt, zudem gehört seiner Familie das Haus. Der Vorteil bei diesem 2014 bezogenen Neubau ist, dass bereits bei der Planung die Bedürfnisse der künftigen Bewohner berücksichtigt werden konnten. Während in Rödgen die Gegebenheiten eines älteren Hauses Grenzen setzt, konnte man in Heuchelheim barrierefrei ein behagliches Zuhause schaffen. Dass es immer noch wenig betreute Demenz-Wohngemeinschaften gibt, liegt unter anderem daran, dass es schwierig ist, geeignete und finanzierbare Häuser zu finden; auch ein Neubau ist mit immensen Kosten verbunden. Sowohl die WG in Rödgen als auch die in Heuchelheim kann zwölf Senioren aufnehmen. Ein Haus mit weniger Plätzen wäre nicht finanzierbar, eines mit mehr Plätzen entspräche nicht mehr den Vorstellungen von individueller Betreuung.

Die Angehörigen von Demenzkranken sind in einem Dilemma. Sie möchten die Lebensqualität von Mutter, Vater oder auch dem Partner so lange wie möglich wahren. Ein Umzug in ein Heim ist für viele erst einmal keine Option – aber die Betreuung rund um die Uhr zu Hause ist es auch nicht. Sie ist auf Dauer nicht leistbar. Die Wohngemeinschaft kann – ebenso wie ein gut geführtes Pflegeheim – eine Lösung sein. Für Menschen mit Demenz wirkt eine unbekannte Umgebung beängstigend. Dass die Senioren sich dennoch in der WG nach einer Weile zu Hause fühlen, liegt an den familienähnlichen Strukturen. Das große Wohn- und Esszimmer bildet das Herzstück des Hauses in Rödgen. Hier werden nicht nur die Mahlzeiten eingenommen, sondern auch gemeinsam gebastelt, gespielt und gesungen. Kaum einer der Senioren hält sich für längere Zeit in seinem Zimmer auf, berichtet Kühn. Selbst das Nickerchen nach dem Mittagessen halten die lieber in den Ruhesesseln im Wohnzimmer als im Bett. Kühn: »Die Bewohner möchten nicht allein sein«. Wenn der Gesundheitszustand es nicht mehr erlaubt, im Wohnzimmer am Alltag teil zu haben, dann bemühen sich die Mitarbeiter, viel Zeit am Bett des Bewohners zu verbringen. Noch einen Umzug am Lebensende mutet man den Senioren nicht zu. Wenn die Zeit für den Abschied gekommen ist, begleiten Mitarbeiter und die Familie den Sterbenden bis zum Schluss.

Eine Besonderheit des Konzeptes besteht darin, dass die Angehörigen nicht nur über alle Vorgänge im Haus entscheiden, sondern auch selbst mit anpacken. Bei monatlichen Treffen wird besprochen, was ansteht. Einkäufe, Bankgeschäfte, Reparaturen, Gartenpflege, all das wird entweder selbst erledigt, oder es wird gemeinschaftlich entschieden, jemanden mit dieser Aufgabe zu beauftragen. Die Familien schätzen dieses »Beteiligungsmodell«, weil sie auf diese Weise aktiv Verantwortung übernehmen können und Entscheidungen im Interesse ihrer Lieben nicht von Fremden getroffen werden. »Für meinen Vater und auch für uns ist dies die beste Lösung«, sagt eine Frau, deren Vater seit einigen Jahren in der WG lebt. Zu den Aufgaben der Angehörigen gehören auch Wochenenddienste. Wenn die Hauswirtschafterinnen nicht da sind, kommen Söhne, Töchter oder Enkel. Kochen, backen, gemeinsam mit der Gruppe Zeit verbringen, das ist für Außenstehende zunächst ungewohnt, aber es sorgt für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Außerdem haben die Dienste eine psychologische Komponente, denn die Wertschätzung für die Mitarbeiter, die täglich die Betreuungsleistung bringen, steigt. Kuhn: »Man braucht viel Geduld, und manchmal auch starke Nerven«.

Die Bewohner der Hopfengarten-WG leben in einem ganz eigenen Kosmos. Auf Gäste wirkt diese Gemeinschaft vielleicht traurig oder trostlos, und sicher stellt sich niemand sein eigenes Leben im Alter so vor. Aber es gibt auch oft heitere Szenen, bei denen die Senioren Spaß miteinander haben. Kühn: »Wir lachen viel, aber niemals wird jemand ausgelacht. Dafür haben die Bewohner ein ganz feines Gespür«. Es gibt in dieser anderen Welt zweifellos komische Momente: Wenn sich einer statt des Hutes eine Hose auf den Kopf setzt. Wenn ein früherer Firmenboss das Büro okkupiert und schriftliche Anweisungen erteilt. Wenn ein Fußballspiel im TV übertragen wird und die Männer der WG die Regeln ganz neu erfinden, dann mag das tragisch sein. Aber es ist auch lustig. Und wie fast immer im Leben macht Lachen vieles einfacher.



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