25. Oktober 2019, 11:00 Uhr

Mensch, Gießen

Der Sockenmann vom Seltersweg

Mike Bund ist im Seltersweg als Doktor Socke bekannt. Seit vielen Jahren verkauft er dort in einer Hofeinfahrt Strümpfe. Socken sind sein Leben - aber nicht nur. Ein Porträt.
25. Oktober 2019, 11:00 Uhr
Mike Bund steht schon seit elf Jahren im Seltersweg und verkauft Socken. Eigentlich hatte der Gießener höhere Ziele. (Foto: Schepp)

Den Kopf halt’ kühl, die Füße warm, das macht den besten Doktor arm: Für Generationen von Großmüttern ist dieser Spruch das Geheimnis eines langen gesunden Lebens. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Omas so gerne Socken verschenken. Bei Mike Bund würden sie auf jeden Fall fündig werden. Aus einer Hofeinfahrt im Seltersweg heraus versorgt der 41-Jährige die Gießener mit Socken. Er verkauft Strümpfe mit und ohne Gummizug, schlichte oder bunt gemusterte, Strümpfe aus Alpaka- oder Schafwolle sowie Kindersöckchen mit unterschiedlichen Tiermotiven. »Das ist ein Familienbetrieb«, sagt Bund. »Mein Onkel Thomas hat hier schon vor 40 Jahren angefangen.« Er selbst hatte eigentlich höhere Ziele, als auf der Straße Socken zu verkaufen. Er wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten, ein wohlhabender Frankfurter Geschäftsmann. Aber dann kam alles anders.

Es ist 13 Uhr an diesem Oktobertag. Bund hat die Sockenständer und Aufhängegitter längst aus dem Lager geholt. So wie jeden Tag - zumindest in der kalten Jahreszeit. »Im Sommer lohnt sich das Geschäft nicht«, sagt er. Dann würden sich die meisten Menschen mit qualitativ minderwertigen Socken zufrieden geben. Oder barfuß in die Schuhe schlüpfen. »Erst im Herbst und Winter wissen sie den Wert von guten Strümpfen wieder zu schätzen«, sagt der Gießener. Dabei ist die Ware von Bund nicht mal sonderlich teuer. Es ist wohl eher das große Angebot, das dem Sockenverkäufer zu schaffen macht. Klar: Wenn man im Supermarkt neben Butter und Milch auch gleich ein paar Socken kaufen kann, sparen sich viele Menschen den Gang zum Fachhändler. Eine Entwicklung, die vielen Branchen Probleme bereitet.

Mike Bund ist in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Sein Vater habe es mit seinem Sockengeschäft zu Wohlstand gebracht. Er hätte bis zu 15 Mitarbeiter beschäftigt, darunter auch alle seine sieben Geschwister. Bund erinnert sich, dass in seinem Elternhaus häufig Prominente verkehrten, vor allem Fußballstars seien gern gesehene Gäste gewesen. Rudi Völler, Norbert Nachtweih, solche Kaliber. »Wir waren auch regelmäßig im VIP-Bereich des Waldstadions«, sagt Bund. »Im Training durfte ich Uli Stein sogar ein paar Bälle aufs Tor schießen.«

Für einen Jungen, der selbst vernarrt in Fußball ist, eine prägende Erinnerung. Kein Wunder, dass sein Vater zum Vorbild wurde. Was für die schulische Laufbahn des Sohnes aber nicht gerade förderlich war. »Ich dachte, mir fällt alles in den Schoß und ich übernehme später irgendwas von meinem Vater. Und dafür braucht man eben kein Abitur.« Dementsprechend erfolglos verlief seine Zeit auf dem Privatgymnasium. Bund machte viel Ärger, das Abi jedoch nicht. Wegen fehlender Disziplin, wie er heute sagt. Und den Problemen zu Hause, die mit der Zeit immer größer wurden.

Nach 25 Jahren Ehe ließen sich Bunds Eltern scheiden. »Mein Vater hat das nicht gut verkraftet«, sagt der Sohn. Sein alter Herr sei stets ein Lebemann gewesen, im Frankfurter Nachtleben durchaus bekannt. Es habe nicht den einen Grund gegeben, warum das Sockengeschäft den Bach herunterging. Einer sei jedoch die Flut an Konkurrenten gewesen. »Tchibo, Rewe, Aldi, überall konnte man auf einmal Socken kaufen.« Obendrein hätten sich mehrere seiner Onkels und Tanten selbstständig gemacht. Das Geschäft sei kleiner geworden, sein Vater habe aber weiterhin auf großem Fuß gelebt. Bis zum großen Knall. »Er hat alles, was er aufgebaut hat, gegen die Wand gefahren.«

Durch Deutschland getingelt

Statt andere für sich arbeiten zu lassen, musste der Vater fortan selber buckeln. Mit seinem Sohn tingelte er durch die Innenstädte Deutschlands und stellte vor leerstehenden Geschäften seinen Stand auf. Ohne Genehmigung, immer mit der Sorge, das Ordnungsamt könne anrücken. Der einst wohlhabende Lebemann wurde zum einfachen Straßenverkäufer. »Das war eine schwierige Zeit für ihn«, sagt Bund. »Aber auch für mich.«

Nach unsteten Jahren in den Fußgängerzonen des Landes kam Bund vor zwölf Jahren nach Gießen. Hier, wo sein Onkel schon seit Jahrzehnten Socken im Seltersweg verkaufte. Als Thomas Bund dann in Frankfurt sein Glück versuchte, übernahm der Neffe den Stand - und baute sich in Gießen ein neues Leben auf. Er entdeckte zum Beispiel die israelische Selbstverteidigungstechnik Krav Maga für sich. Inzwischen bildet Bund selbst Zivilisten und Polizisten aus. »Das ist mein Hauptberuf«, sagt der Gießener und erzählt, dass er als Krav-Maga-Instructor nicht nur abends, sondern auch in den Sommermonaten sein Geld verdiene.

Während der 41-Jährige von seinem zweiten Standbein spricht, tritt eine Frau an den Stand. Bund begrüßt und berät sie freundlich. Mit Erfolg, die Kundin geht mit einem Paar Schafwollsocken nach Hause. Bund steckt den Geldschein in die Kasse - und blickt dabei in das Gesicht des wichtigsten Menschen in seinem Leben. Mehrere Fotos eines Mädchens hat er auf die Kasse geklebt. »Das ist meine Tochter«, sagt Bund mit einem Lächeln. »Sie heißt Scarlett.«

Als Bund vor zwölf Jahren nach Gießen kam, lernte er eine Frau kennen. Die Beziehung hielt nicht. Heute ist die Tochter zwölf Jahre alt und Papas größter Schatz. »Sie ist jedes Wochenende bei mir. Und wenn ich arbeiten muss, verbringt sie ihre Zeit hier in der Hofeinfahrt.« Ihr mache das Spaß, betont der Vater, nicht zuletzt, weil auch Hündchen Dusty zum Team des Sockenstands gehört. Zudem, und das ist dem Vater wichtig, lerne die Tochter so den Wert von Arbeit schätzen. Bund hat seiner Tochter wegen sogar das Abitur auf der Abendschule nachgeholt. »Ich wollte von ihr nichts verlangen, was ich selbst nicht erreicht habe«, sagt der Gießener. Nach einer kurzen Pause fügt er an: »Ich hoffe, ihr Werdegang wird anders verlaufen als meiner.«

Der tiefe Fall des Vaters und die harten Jahre in den Fußgängerzonen haben dem 41-Jährigen zugesetzt. Doch heute, mit der Hofeinfahrt im Seltersweg, ist er glücklich. »Es gab Zeiten, da konnte ich von solch einem Stand nur träumen.« Zumal das Konzept viele Vorteile bietet. Bund steht auf einer prominenten Einkaufsmeile mit Tausenden potenziellen Kunden am Tag. Die Summe, die er dem Hauseigentümer für das Bereitstellen der Fläche bezahlt, liegt jedoch deutlich unter den hohen Ladenmieten. »Außerdem mag ich meine Arbeit«, betont Bund und hebt die Gespräche mit den Stammkunden und den Kontakt mit den benachbarten Geschäftsleuten hervor. Vor allem aber schätze er die Freiheiten, die solch eine Verkaufsart biete. »Ich kann früher zumachen, ohne dass es auffällt. Wenn ich weg bin, ist das einfach nur eine ganz normale Hofeinfahrt.«

Selbst mit der Kälte kann er leben. Schließlich sorgt sie für einen kühlen Kopf. »Und kalte Füße«, sagt Bund mit einem Lächeln, »brauche ich nun wirklich nicht zu fürchten«.

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