07. Juni 2018, 21:49 Uhr

Der Tanz ist aus

07. Juni 2018, 21:49 Uhr
Adrian Verscharen (Teufel) und Mike Hedrich (Jüngling) proben mit viel Spielfreude im Seminarraum. (Foto: Dietl)

Gießen (pm). Das Reformationsjubiläum ist vorbei. Was ist von Luthers Ideen hängengeblieben? Welche Konsequenzen ziehen wir aus der Erinnerung an die Botschaft, dass der Mensch schon erlöst ist und dass der Glaube allein vor der Hölle bewahrt? Diese Frage steht auch am Anfang von Johannes Kolroß’ Spiel »Von fünferlei Betrachtungen, die den Menschen zur Buße reizen«. Die Theatergruppe des Instituts für Germanistik der Justus-Liebig-Universität unter der Leitung von Prof. Cora Dietl, Institut für Germanistik, führt das Stück, eine frühe Moralität aus dem reformierten Basel, am 25. Juni sowie am 4., 7. und 9. Juli in Gießen, Leeds (England), Grünberg und Marburg auf. Eingebettet sind die Aufführungen in ein internationales Forschungsprojekt.

Uraufgeführt wurde das Theaterspiel kurz nach Ostern 1532. Der Protagonist des Stücks, ein jugendlicher Jedermann, zieht einen einfachen Schluss aus der österlichen Heilsbotschaft und der lutherischen Gnadenlehre: Jetzt darf unbeschwert und dauerhaft gefeiert werden. Aus dem amourösen Freudentanz wird rasch ein Totentanz, der den Jüngling im letzten Moment zur Neubesinnung zwingt – was ihm den Spott seiner Freunde einträgt. Wer hat denn schon gerne einen frommen Freund?

Das Spiel fragt nach der Angemessenheit eines Lebensstils, wie wir ihn heute als typisch westlich oder typisch europäisch verstehen: Es ist ein Leben in gefühlter Sicherheit und Sorglosigkeit, in dem das Fest, die Zerstreuung und die Freude eine zentrale Rolle einnehmen. Es fragt auch nach der Rolle, die wir dem Tod und den Gedanken ans Jenseits in unserem Leben einräumen wollen. Und als Schulstück fragt es natürlich auch, wie Kinder zu einem »rechten« Lebenswandel erzogen werden können.

Internationales Forschungsprojekt

Die Aufführung steht im Kontext eines internationalen Forschungsprojekts zu Moralitäten der Frühen Neuzeit als Formen der Vermittlung europäischer Werte. Eine Gruppe von Wissenschaftlern aus den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz, Polen, Litauen, Spanien und Portugal will erforschen, welche Rolle dem allegorischen moraldidaktischen Theater in der europäischen Kultur des 16. Jahrhunderts zukam. Es geht nicht zuletzt auch darum, wie diese Stücke, wenn sie unverändert wiederaufgeführt werden, auf ein heutiges Publikum wirken. Das Gießener Publikum muss sich daher auf ein ästhetisch anderes Theater einstellen. Wie wird dieses ankommen? Das will die Theatergruppe mithilfe einer Fragebogenaktion herausfinden.

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