13. August 2018, 22:00 Uhr

Deutschlands kleinster Kunstverein

Im Herbst feiert der Neue Kunstverein sein 20-jähriges Bestehen. Die Gründer und Vorsitzenden lassen die Entwicklung des kleinsten Kunstvereins Deutschlands Revue passieren.
13. August 2018, 22:00 Uhr

Ausstellungsraum des Neuen Kunstvereins (NKV) ist seit 2003 der einstige Kiosk am Alten Friedhof. »Ich denke, dass gut 80 Prozent der Kunstinteressierten unsere Ausstellungen durch die lange Fensterfront ansehen.« Davon ist der langjährige Vorsitzende Markus Lepper überzeugt. »Das merken wir immer samstags, wenn wir zur Öffnungszeit die Scheiben säubern.«

Der NKV ist überregional bekannt geworden als der kleinste Kunstverein Deutschlands. Künstler sind von dem winzigen Raum mit großer Fensterfront fasziniert. Sie nutzen ihn für unterschiedlichste Installationen und Präsentationen, mal die Intimität betonend, mal die Außenwelt einbeziehend. Doch: »Es ist und bleibt ein Kiosk, es wird keine Galerie mit rundum weißen Wänden.«

Wegen der geringen Größe finden Vernissagen im Außenbereich statt, was »das klassische Premierenpublikum eher davon abhält zu kommen«, so die Erfahrung. Die für Sommer geplante Vergrößerung des 9m²-Quadratmeter-Raums ist verschoben. Ein Problem ist auch die Finanzierung, neue Mitglieder und Spenden sind willkommen.

Der erste Vorsitzende, Kunstgeschichtsprofessor Marcel Baumgartner, erzählt wie alles angefangen hat. Den Anstoß gab Pädagogikprofessor Theodor Klaßen, der während einer Ausstellung in der Kunsthalle fragte, warum es in Gießen nicht kontinuierlich die Möglichkeit gebe, sich mit ungewöhnlicher Kunst auseinander zu setzen. Und warum es keinen Kunstverein gebe wie in größeren Städten.

Die Idee war geboren. Vor allem Kunstgeschichtsstudent Volker Bunte legte sich ins Zeug. »Er war die treibende Kraft«, sagt Baumgartner. »Er hat alle Verwaltungshürden genommen.« Überraschend war die Erkenntnis, dass der alte Kunstverein von 1912 offiziell noch existierte. Also musste der neue anders benannt werden.

Die Gründung fand am 5. November 1998 im Winchester-Zimmer statt. Zu den acht Gründungsmitgliedern zählten neben Baumgartner, Bunte und Klaßen noch Volker Bouffier, damals Innenminister, Kunsthistoriker Thomas Lange, Kommunikationswirt Roland Röschel, Hautklinik-Leiter Wolf-Bernhard Schill und Steuerberater Karl-Heinz Steinbach. Den Vorsitz übernahm Baumgartner, die Geschäftsführung Bunte. Grafiker Harald Schätzlein übernahm von Anfang an die grafische Gestaltung aller Publikationen.

An die Öffentlichkeit ging man im Mai des folgenden Jahres, als ein Raum gefunden war und die ersten Ausstellungspläne vorgestellt werden konnten. Die Mitgliederzahl war bereits auf 40 angewachsen. Der erste kostenfrei zur Verfügung gestellte Raum war der frisch renovierte Keller des Liebig-Museums. Erster Künstler war Heinz Brand aus der Schweiz. Ende 2000 meldete der Museumsverein Eigenbedarf an. Ein Grund war, dass man sich mit allzu freien Künstlerideen, wie die frisch geweißten Kellerwände mit einer Erde-Bier-Mischung zu bestreichen, nicht anfreunden konnte.

Für den NKV bedeutete es erneut auf Raumsuche zu gehen. In dieser Zeit organisierte Bunte für den Berufsverband Bildender Künstler die »Hessiale« in Gießen (2002) und wurde an die Schule geholt. Beim Kunstverein übernahmen Anthea Häusler und Claudia Olbrych die Geschäftsführung. Vorstandsmitglied Wolfgang Michaeli brachte schließlich den Kiosk an der Ecke Licher Straße/Nahrungsberg ins Gespräch. Kulturdezernent Dr. Reinhard Kaufmann half.

Ende 2003 konnte die erste Ausstellung im Kiosk gezeigt werden. Eine weitere Idee brachte Vorstandsmitglied Gerd Steinmüller, Kunsthistoriker am Institut für Kunstpädagogik, ein. Die künstlerischen Gastprofessoren am IfK erhielten eine Ausstellungsmöglichkeit im Kunstkiosk. So fotografierte der Siegener Fotograf Thomas Kellner 2004 den Kiosk von außen, ließ es als aufgepixeltes Großfoto auf Folie drucken und spannte diese um den Kiosk herum. In späteren Jahren kamen die Theaterwissenschaftler mit experimentellen Raumbespielungen dazu.

Baumgartner übergab im Oktober 2005 den Vorsitz in gute Hände: an seinen Studenten Markus Lepper. Für die neue Aufgabe schloss der seine kleine Galerie »Doppelzimmer« in der Ludwigstraße. Lepper setzte die Idee der Raumvergrößerung auf seine Weise um, suchte Räume, in denen auch Gruppenausstellungen und größere Kunstformate gezeigt werden konnten. Das erste Mal erprobte er dies zu »APERO«, einer konzertierten Aktion von Galerien in Gießen. Er nutzte die alte Universitätsbibliothek für die Schau »(De)Zentral«. Dort wurden später Künstler wie Karsten Bott und Heather Allen gezeigt, die später richtig groß rauskamen. Die größte und aufwendigste von ihm organisierte Schau war 2011 »Iris« im KiZ.

Nach zwölf Jahren war für Lepper, mittlerweile Studienrat am LLG, die Zeit gekommen, den Vorsitz an Jüngere abzugeben. Till Korfhage, auch als Mitglied der »Mobile Albania« aktiv, übernahm 2017 das Amt für eine Übergangszeit, die im nächsten Jahr endet. Mittlerweile ist er nach Halle umgezogen, arbeitet weiter in Frankfurt für die freie Theaterszene und in Gießen gibt der ausgebildete Tischler Werkstattkurse bei den Uni-Theaterwissenschaften.

Wunsch von Korfhage war, die Vereinshierarchie zu durchbrechen. Daher gab es wechselnde Zuständigkeiten für die Ausstellungen, was das Spektrum des Gezeigten deutlich größer werden ließ. Etwa mit den chinesischen Künstlern, die Andreas Walther holte, oder jüngst bei der Buchkunst-Ausstellung, organisiert von Erhard Waschke. Korfhage brachte Absolventen der Offenbacher Kunstschule nach Gießen, das gilt auch für die nächsten drei Ausstellungen.

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