24. Mai 2016, 17:43 Uhr

»Diäten befeuern Fettleibigkeit«

Gießen (srs). Jeder vierte Deutsche ist nach einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung adipös. So dick waren die Deutschen noch nie. Warum Diäten die Lage für Betroffene oft noch verschlimmern und wann eine Operation sinnvoll sein kann, erklärt Dr. Jens Albrecht, Leiter der Sektion Adipositaschirurgie am Uniklinikum Gießen, im Interview.
24. Mai 2016, 17:43 Uhr
Jeder vierte Deutsche ist nach einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fettleibig. (Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

An diesem Mittwoch nimmt das Uniklinikum am Nationalen Aktionstag zu »Adipositas« teil. Warum?

Dr. Jens Albrecht: Adipositas ist keine Lifestyle-Erscheinung. Es ist eine Erkrankung. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Fettleibige Menschen sind leider oft Opfer sozialer Ausgrenzung. Ihnen wird die Schuld an ihrer Adipositas selbst zugewiesen. Leiden Menschen an Krebs, wird dies als unverschuldete Erkrankung wahrgenommen. Die krankhafte Fettleibigkeit aber ist stigmatisiert. Außerdem wollen wir am Mittwoch über Behandlungs- und Operationsmethoden informieren

Übergewichtig ist in Deutschland mehr als jeder Zweite. Ab welchem Körpergewicht aber ist es denn krankhaft?

Albrecht: Eine Orientierung ist der »Body Mass Index«, kurz: BMI. Sie teilen Ihr Körpergewicht durch die Körpergröße im Quadrat. Liegt der BMI über 30, sind Sie adipös. Ab 40 sind Sie ein Kandidat für eine Operation – bei einer begleitenden Erkrankung wie Diabetes schon ab 35. Meine Patienten wiegen in der Regel zwischen 120 und 160 Kilogramm. Die schwerste bisher in Gießen operierte Patientin wog 360 Kilo und war bettlägerig. Zu 90 Prozent sind die Patienten Frauen.

Warum das? Neigen nicht eher Männer als Frauen zu Übergewicht?

Albrecht: Männer haben wohl weniger Leidensdruck. Männer sehen außerdem weniger ein, dass sie krankhaft übergewichtig sind. Und Frauen sind therapiewilliger.

Warum eigentlich werden die Menschen immer dicker?

Albrecht: Auf diese Frage könnte ich ganze Bände füllen. Es ist der Mangel an Bewegung. Und der permanente Zugang zu Fastfood und kalorienreicher Nahrung. Die Menschen bereiten ihr Essen immer seltener zu, greifen mehr und mehr zu Fertigprodukten.

Was sollte ich gegen Fettleibigkeit am besten tun?

Albrecht: Natürlich bekämpfe ich Übergewicht durch Sport und ausgewogenes Essen. Im Fall von Adipositas aber können viele Patienten ihre Ernährung nicht unter Kontrolle halten. Das muss man sich erst einmal eingestehen. In meiner Sprechstunde gibt es viele Patienten, die sagen: Ich esse eigentlich gar nicht so viel. Für die Hauptmahlzeiten mag das zutreffen. Aber zwischendurch greifen sie unbewusst immer wieder zu Süßigkeiten oder trinken Cola. Externe Hilfe durch eine Ernährungsberaterin ist daher oft für den Erfolg einer Therapie von hoher Bedeutung.

Und was halten Sie von Diäten?

Albrecht: Bringt jemand 10 oder 20 Kilogramm zu viel auf die Waage, ist das erstmal nicht so dramatisch. Dann aber kommen die Diäten. Und die befeuern häufig erst eine Fettleibigkeit. Man nimmt 10 Kilo ab – und kurz darauf geht man 15 oder 20 Kilo hoch. In Diäten ist der Körper wie ein gespannter Bogen, der nach Ende der Diät in seine ursprüngliche Form zurück möchte.

Sechs Prozent der Kinder in Deutschland sind adipös. Wie kann man ihnen helfen, wenn in deren Familien auf ausgewogene Ernährung nicht geachtet wird?

Albrecht: Das ist schwierig. Wir als Ärzte und ich als Chirurg bin vor allem mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Wir sägen hier am Gipfel des Eisbergs. Kindergärten und Schulen sind hier vor allem gefragt.

Welche Operationen nehmen Sie am Adipositaszentrum Mittelhessen vor?

Albrecht: Wir führen vor allem zwei Eingriffe durch. Erstens den Magen-Bypass: Dabei durchtrennen wir den großen Magen, bilden einen kleinen, nur noch 20 Milliliter fassenden Vormagen und verbinden ihn mit dem Dünndarm. Das zweite Verfahren ist der Schlauchmagen. Wir entfernen vier Fünftel des Magens. Übrig bleibt dann ein fingerdicker Schlauch.

Wie oft führen sie diese Operationen durch?

Albrecht: Etwa 100 Mal im Jahr. Alle OPs in unserem Zentrum führen wir minimalinvasiv, das heißt mit kleinen Schnitten unter Einsatz von Kameratechnik, durch.

Und wie erfolgreich ist eine solche OP?

Albrecht: Nach der Operation nimmt jeder ab. Zum einen, weil die Patienten nur noch sehr kleine Mengen essen können. Zum anderen kommt es zu erheblichen Umstellungen im Stoffwechsel, vor allem im Zuckerstoffwechsel. Als Alternative zur OP bieten wir ein 52-wöchiges Therapiekonzept an. Neben der Ernährungsberatung leiten wir die Patienten zu Spaß an der Bewegung an.

Bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen einen operativen Eingriff?

Albrecht: Ja. Voraussetzung ist vorher aber eine sechsmonatige konservative Therapie, bestehend aus Ernährungsberatung, Verhaltenstherapie und einem Bewegungsprogramm. Die Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen ist hier in Gießen zum Glück konfliktfrei. In Bayern dagegen werden Operationen oft nicht genehmigt. Da steht das ökonomische Denken vor der Gesundheit. Wir sind in Deutschland eines der Länder, das am spätesten operiert.

Das heißt, Sie raten zu mehr Operationen?

Albrecht: Gerade bei jungen Patienten. Kürzlich habe ich eine Frau operiert, die nach einem Magen-Bypass jetzt ihr Gewicht von 140 auf 70 Kilogramm halbiert hat. Eine junge, hübsche Frau, die nun ihr Leben genießt. Ohne die OP müsste sie sich später mit Diabetes oder einem Schlaganfall auseinandersetzen. Um das Risiko zu senken, ist eine Operation sehr hilfreich.

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