09. November 2018, 21:56 Uhr

Die Angst vor einer »Bauernhochzeit«

09. November 2018, 21:56 Uhr
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Von Dr. Hans-Wolfg. Steffek
Wunder

»Der Adlige war ein landwirtschaftlicher Unternehmer, der mit seinem Gutshof auch in Oberhessen für die Anlage mancher Dörfer sorgte. Manche traten in den Dienst von Fürsten, weil sie sich dadurch finanziellen Gewinn und größeres Ansehen erhofften«: So umriss Referent Dieter Wunder (Bad Nauheim) die Rolle des hessischen Adels vor einem großen Hörerkreis im Netanya-Saal des Alten Schlosses. Eingeladen hatte der Oberhessische Geschichtsverein zum Vortrag »Zwei Landgrafschaften, eine Adelskorporation«, der sich mit dem hessischen Adel in der frühen Neuzeit befasste.

Wunder war lange als Gymnasiallehrer und Schulleiter in Hamburg sowie als GEW-Vorsitzender tätig, wandte sich im Ruhestand verstärkt der Landesgeschichte zu und veröffentlichte ein umfangreiches Buch zu dieser Thematik, das Dr. Carsten Lind vom Geschichtsverein als »Nachschlagewerk und vergnügliche Lektüre« bezeichnete.

In einem mit aufschlussreichem Bildmaterial versehenen Vortrag mit klarer Strukturierung erläuterte Wunder die spezifische Situation des hessischen Adels in zwei Landgrafschaften, nämlich Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Dabei kam sowohl die Verfassung der hessischen Ritterschaft zur Sprache als auch die Auseinandersetzung mit den Landgrafen bis zur Spaltung des hessischen Adels im 18. Jahrhundert. Wunder verwies darauf, dass 30 Prozent aller hessischen Dörfer Adelsdörfer waren, deren Anfang ein Hofgut eines Adligen, wie etwa Winnerod, war. So habe ein Adliger stets zwei Berufe gehabt, nämlich Gutsbesitzer und fürstlicher Diener. Am Beispiel der Familie des kaiserlichen Obersten Heinrich Hartmann Schutzbar (genannt Milchling zu Treis an der Lumda) und der Familien Oeynhausen und Schautenbach, denen er »typische Merkmale des hessischen Adels« zusprach, erläuterte er die Problematik alteingesessener Familien und neu zugezogener Adelsfamilien. Kurios mute es heute an, dass in den Quellen häufig von »Ausländern« die Rede sei, allerdings lediglich in der Bedeutung »Nichthessen«. Um 1740 habe sich der Darmstädter Landgraf über die Unzuverlässigkeit »seiner« Adligen beklagt, »die lieber Reichsritter wären«. Die Konkurrenzsituation zwischen Kassel und Darmstadt hatte auch mit dem unterschiedlichen Glauben zu tun und konnte sogar schon innerhalb einer Familie Loyalitätskonflikte auslösen: »Manche Geschlechter waren in beiden Grafschaften verankert.«

Wunder unterstrich, dass der hessische Adel nur ein Teil der elitären Gesellschaft der frühen Neuzeit gewesen sei, der andere habe in den »Bürgerlichen« wie Inhabern von Hofämtern, Militärs, Wissenschaftlern und Geistlichen bestanden. Die waren häufig landgräfliche Diener in den Residenzen in Darmstadt und Kassel. 1532 gründete sich die hessische Ritterschaft, wie sich der Adel in seiner politischen Verfasstheit nannte. Bis zur Abschaffung der Patrimonialgerichtsbarkeit hätten die Adligen gerne von ihren »Untertanen« gesprochen, was aber weder diese noch die Landgrafen gerne gehört hätten. Wunder erinnerte daran, dass auch die hessischen Adligen nicht alle reich waren. In Verbindung mit einer Heiratssteuer nannte er die Sorge, »die Töchter sollten sich nicht prostituieren«, womit aber nicht die Furcht vor dem Abgleiten ins Rotlichtmilieu gemeint gewesen sei, sondern lediglich gemeint war, die höheren Töchter könnten einen »Bauern« heiraten.

Die Beschäftigung mit dem hessischen Adel erlaube aus sozialhistorischer Sicht einen Blick auf die Vielfalt des Adels im Reich und in politischer Hinsicht aufschlussreiche Einblicke in die Rolle der »Beamten als Helfer der Fürsten«, schloss Wunder, der für seinen Vortrag Beifall erhielt. (Foto: has)



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