01. April 2016, 18:03 Uhr

Die Gießener Drogenszene: Haschisch sticht Heroin aus

(sha). Die Gießener Drogenszene verändert sich. Seit es die Grünfläche am Oswaldsgarten nicht mehr gibt, sind Fixer im Stadtbild kaum noch sichtbar. Ohnehin spielt Heroin bei jungen Drogenkonsumenten fast keine Rolle mehr. Dafür bereiten »Legal Highs« und deutlich stärkeres Cannabis Suchtberatern und Polizei neue Sorgen.
01. April 2016, 18:03 Uhr
Der Marktplatz zählt zu den Treffpunkten der Drogensüchtigen in der Stadt. (Foto: Oliver Schepp)

Sehen und gesehen werden. Das gilt auch für die Gießener Innenstadt. Allerdings nicht, um andere zu beeindrucken. Auf der Straße wird nichts gezeigt. Wer Drogen kaufen möchte, tut dies lieber im Verborgenen. Die Kontaktaufnahme folgt einem »subtilen Arrangement«, erläutert Dr. Bernd Hündersen, Geschäftsführer des Suchthilfezentrums in der Schanzenstraße. Mit Blickkontakten signalisierten Käufer und Kunden Interesse. Aus diesem Grund gebe es auch nicht die eine Straße, in der man illegale Rauschmittel erwerben könne. Vielmehr arbeiteten Drogenhändler in kleinen Teams: Einer ist unterwegs und beobachtet. Vorzugsweise in der Innenstadt. Er mustert vor allem Personen unter 40 Jahren, die ihrerseits die Blicke aufnehmen. Ist nach einem kurzen Ansprechen klar, dass es sich um Drogenkonsumenten handelt, bringt er sie zu einer Wohnung. Dort sitzt ein Komplize, der den Stoff verkauft. Ziel dieser Strategie sei es, so wenig wie möglich aufzufallen, sagt Hündersen.

Kaum noch in der Öffentlichkeit sichtbar sind nach Aussage des Soziologen auch Heroinabhängige. Vor Jahren hätten die sich auf den Grünflächen des Oswaldsgartens getroffen. Doch dieses Areal ist nun bebaut. Überhaupt habe – vor allem unter jüngeren Leuten – Heroin deutlich an Attraktivität verloren. »Es gibt schon seit Jahren keine Hinweise mehr, dass auf Spielplätzen oder in Parks Spritzen herumliegen«, stellt der Soziologe fest. An dieser Entwicklung ist auch das Gießener Suchthilfezentrum nicht unbeteiligt: An dem Gebäude wurde 1989 der damals hessenweit erste Automat angebracht, in dem Fixer ihre alten Spritzen entsorgen und sich für jetzt 50 Cent je zwei neue Spritzbestecke kaufen können. Eine noch größere Sogwirkung könnte nach Einschätzung Hündersens eine zur gleichen Zeit aufgekommene Idee entfaltet haben: Danach haben Drogenabhängige die Möglichkeit, im Gebäude der Suchthilfe alte Spritzbestecke einzutauschen. Für jedes gebrauchte gibt es ein neues – kostenlos. Anfangs hätten manche Kommunen diesem Ansatz skeptisch gegenübergestanden, da sie befürchteten, Fixer möglicherweise sogar zu einem gesteigerten Drogenkonsum anzuregen, berichtet Hündersen. Gießen habe dieses Tauschkonzept aber von Anfang an mitgetragen. Mittlerweile seien alle hessischen Städte dabei.

Hessens erster Spritzenautomat

Gab oder gibt es in Gießen Fixerstuben? Nein. »So viele Heroinabhängige haben wir hier nicht«, sagt der Soziologe. Stattdessen sei die Stadt sehr früh ins Methadonprogramm eingestiegen. Deshalb arbeitet auch eine Ärztin beim Suchthilfezentrum in der Schanzenstraße, von der Abhängige diesen Drogenersatzstoff bekommen können. Der Vorteil von Methadon sei, dass es länger wirke, erklärt Hündersen. Ein einmaliger Konsum pro Tag – Methadon kann getrunken werden – genüge. Opiate wie Heroin hätten hingegen eine deutlich kürzere Halbwertszeit, müssten mindestens dreimal täglich eingenommen werden. Fixerstuben könnten deswegen maximal sechs Stunden am Tag geschlossen sein, ihr Unterhalt sei daher sehr teuer und komme nur für Städte mit vielen Heroinsüchtigen infrage.

Woran liegt es, dass Heroin gerade für junge Leute nicht mehr interessant ist? Inzwischen sei bekannt, dass es bei dieser Droge »einen sehr kurzen Weg in körperliche Abhängigkeit und Verelendung gibt«, erläutert der Geschäftsführer. Derzeit gebe es deutlich größere Probleme mit Haschisch und Amphetamin. Dabei werde das vollsynthetisch hergestellte Amphetamin – in der Szene bekannt als »Speed« oder »Pepp« genannte Tabletten – benutzt, um sich aufzuputschen. Haschisch wiederum werde konsumiert, »um die Drehzahl zu senken und runterzukommen«, schildert Hündersen.

Die Gefahr besteht aus seiner Sicht vor allem darin, dass Haschisch aufgrund veränderter Zucht- und Anbaumethoden jetzt einen viel höheren Anteil an Tetrahydrocannabinol (THC) besitze. Das steigere die Wirkung enorm: »Es ist, als hätten Sie früher Bier getrunken und heute Schnaps.« Dabei sei die bewusstseinserweiternde Wirkung von THC nicht zu unterschätzen, warnt der Soziologe. Massive Angstzustände, Wahnvorstellungen und sogar Psychosen könnten durch Haschischkonsum ausgelöst werden.

Um junge Menschen früh auf die Gefahren dieser Droge hinzuweisen, wollen die Suchtberater mit ihren Präventionsansätzen aber auch ganz praktische Nachteile aufzeigen: So könnten Jugendliche, die mit Haschisch erwischt würden, ihren Führerschein unter Umständen erst deutlich später erwerben. Dies bestätigt auch eine Sprecherin der Führerscheinstelle beim Landkreis Gießen im Gespräch mit dieser Zeitung: Demnach wird die Behörde informiert, wenn Jugendliche wegen Besitzes, Konsums oder Handeltreibens mit Haschisch auffallen. Die Jugendlichen bekämen eine »Gelbe Karte« zugesandt, mit dem Hinweis, dass die Führerscheinstelle informiert sei und den Fall prüfen werde. Dies schließe auch Drogenscreenings sowie ärztliche und medizinisch-psychologische Gutachten ein, um festzustellen, ob ein späterer Antragsteller überhaupt geeignet ist, eine Fahrerlaubnis zu erwerben.

Dass Cannabisprodukte wie Haschisch und Marihuana neben Amphetamin in Gießen die »gängigsten festgestellten Drogenarten« sind, bestätigt auch Fabian Bietz aus der Führungsgruppe der Kriminaldirektion Gießen. Ausweislich der polizeilichen Kriminalstatistik gab es im vergangenen Jahr in der Stadt genau 453 erfasste Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Den größten Teil bildeten neben dem Drogenanbau und dem Handel mit Rauschgift die sogenannten Konsumentendelikte. Das heißt, es wurden Personen erwischt, die Drogen zum Eigenbedarf verwendeten. »Jeder Krümel ist schon strafbar«, betont Bietz. Es sei bereits illegal, kleine Mengen Haschisch oder Marihuana zu besitzen.

Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, berichtet, dass auch in den Jahren zuvor in Gießen eine ähnlich hohe Zahl an Drogendelikten ermittelt worden sei. Hier mache sich die Nähe zum Rhein-Main-Gebiet negativ bemerkbar, unterstreicht der Beamte. Das zeige die sogenannte Häufigkeitszahl, mit der das Verhältnis der festgestellten Rauschgiftdelikte zur Einwohnerzahl beschrieben wird. So weist Gießen mit gut 80 000 Einwohnern im Jahr 2015 eine Häufigkeitszahl von 544 auf. Damit liegt diese Kennziffer über der von Kassel, das mit gut 200 000 Einwohnern für 2015 eine Häufigkeitszahl von 535 meldet. Der Grund: Das nicht weit von Gießen gelegene Frankfurt nehme in Hessen im Bereich der Drogenkriminalität die zentrale Rolle ein. In Gießen seien die Kontrollen intensiviert worden. Diese verstärkte Überprüfung von Fußgängern und Autofahrern erkläre auch die größere Zahl festgestellter Konsumentendelikte im vergangenen Jahr, betont Bietz. Schwerpunkte der Kontrollen seien der Marktplatz und der Bahnhof.

Gefährliche Badesalze

Eindringlich warnt der Kriminalbeamte vor sogenannten »Legal Highs«, synthetischen Cannabinoiden, die auch bei Jugendlichen in Gießen immer populärer würden. Diese größtenteils immer noch legal zu erwerbenden Stoffe würden beispielsweise als Kräutermischungen, Lufterfrischer oder Badesalze angeboten. In »Headshops« oder im Internet. Dabei sei die Wirkung dieser ebenfalls berauschenden Substanzen noch immer nicht vollständig geklärt, sagt Reinemer. Es sei bekannt, dass Konsumenten ohnmächtig wurden oder sogar Psychosen entwickelten. Auch akutes Nierenversagen sei nicht ausgeschlossen.

Warum die synthetischen Cannabinoide trotz dieser gefährlichen Nebenwirkungen nicht verboten sind, erklärt Reinemer so: Das Problem liege darin, dass Hersteller diese Stoffe immer wieder neu zusammenmischten, um das Betäubungsmittelgesetz zu umgehen. Deshalb müssten diese Produkte immer wieder auf ihre jeweiligen Inhaltsstoffe untersucht werden, bevor ein mögliches Verbot infrage komme. Das sei bei »herkömmlichen« Drogen wie Heroin oder Kokain anders: Bei diesen Rauschgiften seien bereits einzelne Wirkstoffe so potent und gefährlich, dass sie automatisch unter das Betäubungsmittelgesetz fielen. Dennoch: Ein Teil der »Legal Highs« ist auch in Deutschland bereits dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt und deshalb nicht mehr frei verkäuflich.

Auch die bekannteste Gießener Drogenszene am Marktplatz hat sich verändert, stellt Sabrina Thiel von der aufsuchenden Straßensozialarbeit fest: In den vergangenen Jahren habe es mehr »klassische Heroinabhängige« gegeben, heute werde »stärker gemischt«. Die Süchtigen nähmen unterschiedliche Substanzen zu sich, im Verbund mit Alkohol und Tabletten. Das mache die Wirkung noch weniger kalkulierbar und gefährlicher.



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