17. August 2019, 14:00 Uhr

Russlanddeutsche

Die Kraft des kasachischen Samenkorns

Kleingärten gelten als Gartenzwergidyllen. Aber sie sind mehr als das. Unter den Pächtern der Gießener Gärten sind viele Russlanddeutsche. Sie lieben ihre »Datscha« und pflegen sie mit Hingabe.
17. August 2019, 14:00 Uhr
Kein Kleingarten ohne Sommerhaus: Jeder Pächter gestaltet seine Hütte anders.

Die alte Dame fasst sich an den Hals, die Hand umschließt das bunte Medaillon mit der Mutter Gottes. »Viel kann ich ja nicht mehr tun«, sagt sie. Jede Bewegung schmerzt. Das bereitet ihr großen Kummer. 2004 ist Rosa Lang an Krebs erkrankt. Zwischenzeitlich ging es ihr besser, aber die Krankheit ist schon mehrfach zurückgekehrt. Sie betet, dass es auch diesmal gut geht. So oft es geht, ist sie in ihrem Garten. Zwischen Weinranken, Kinderschaukel und Johannisbeerbüschen kann man gut ein wenig ausruhen. Im Sommer kommen sie und ihr Mann Johannes morgens schon um 6 Uhr aus der Weststadt in ihre Datscha am Waldbrunnenweg. »Ein bisschen schütten, ein bisschen Gras ziehen«, sagt Rosa. Sie spricht ein altertümliches Deutsch, das man von vielen ihrer Generation kennt.

Die 74-Jährige kommt aus Qostanai in Kasachstan. »Zu Hause haben wir immer deutsch geplaudert«. In der Schule und auf der Straße war das verboten. Rosa ist Nachfahrin der Wolgadeutschen, bis 1990 hat sie in der alten Heimat gelebt. Zu dieser Zeit ging es ihr gut, niemand litt Not. Das war in Rosas Kindheit ganz anders. »Wir haben vor Hunger mit bloßen Fingern gefrorene Kartoffeln aus dem Boden geklaubt oder verfaulte Äpfel aufgelesen«. Die Nachkriegsjahre waren schlimm, besonders für die Kinder. Als die ganze Verwandtschaft in den 80ern in den Westen ging, wollten auch Langs nicht mehr bleiben. Rosa und Johannes machten sich mit ihren Kindern auf den Weg. Ein Sohn des Paares war kurz zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sein Grab haben die Eltern 2004 noch einmal besucht. Doch sonst verbindet sie nichts mehr mit Kasachstan. »Meine Liebsten sind hier, darauf kommt es an.«

Ihre Liebsten, das sind die Söhne mit ihren Familien. Schwiegertochter Nina ist auch oft im Garten und hilft, aber die 53-Jährige hat neben der Berufstätigkeit wenig Zeit. Sie arbeitet in einer Tagespflegestätte in Wetzlar. Auch sie kommt aus Kasachstan, doch im Gegensatz zu der Familie ihres Mannes hat sie keine deutschen Wurzeln. Sie hat die Sprache erst in Gießen gelernt. Das war am Anfang hart, erinnert sie sich. Abgelehnt oder ausgegrenzt hat sie sich aber nie gefühlt. »Es kommt immer darauf an, wie man selbst auf Menschen zugeht«, meint sie.

Nina ist eine herzliche, gastfreundliche Frau, die an diesem Nachmittag in der Datscha nicht nur Kaffee kocht, sondern gar nicht aufhört, süße Leckereien aufzutischen. Eis, Schokolade, russische Bonbons, Kuchen und Schaumgebäck. In Kasachstan hat sie an einer Tankstelle gearbeitet, in Deutschland war sie in verschiedenen Jobs tätig. In ihrer Generation und in der ihrer Eltern haben viele schnell beruflich Fuß gefasst, aber nicht in den erlernten Berufen. Das ist auch bei den Langs so. Sie arbeiten als Hilfskräfte in der Pflege oder gehen putzen. Harte Arbeit, aber es ist gut so, sagen sie.

Die Langs wohnen alle dicht beieinander in der Weststadt. Wenn Großeltern, Eltern, Kinder und Urenkel zusammen kommen, sind das 16 Personen. In den Wohnungen ist kein Platz für alle. Aber in der Datscha. Sie ist grüner Außenposten, Zufluchtsort, Wohnzimmer. Hier verbringen die vier Generationen viel Zeit - zusammen, aber auch jede Familie für sich. An warmen Sommerabenden sitzen sie bis tief in die Nacht um den Samowar. »Der Tee ist sehr stark und sehr gut«, sagt Rosa. Alle paar Wochen werden Forellen geräuchert, die Äste von Obstbäumen eignen sich dafür besonders gut. Und natürlich wird häufig gegrillt. Wie in fast jeder russlanddeutschen Familie gibt es auch bei Langs ein Geheimrezept für die Schaschlikspieße, das nicht preisgegeben wird.

Dass ihre Landsleute eine Leidenschaft für ihre Datschen hegen, ist für Olga Royak naheliegend. Viele Russlanddeutsche stammten aus ländlichen Gebieten, in denen es lebensnotwendig gewesen sei, Obst und Gemüse selbst anzubauen, schildert die Geschäftsführerin des Deutsch-Russischen Zentrums. Da man ihnen in stalinistischer Zeit den Zugang zu Bildung und Kultur verwehrt habe, sei die Datscha zudem die einzige Möglichkeit der Zerstreuung gewesen. »Auf der Bank sitzen, Tee trinken, Sonnenblumenkerne knabbern, erzählen, gemeinsam singen - das ist eine Dorftradition«. Diese Dorftradition wird in Deutschland fortgeführt. Der Unterschied ist meist, dass die Familien unter sich bleiben. Die Langs haben gute Kontakte zu ihren Nachbarn in der Anlage. Man grüßt sich und reicht auch mal Gurken oder Tomaten über den Zaun. Aber zum Grillen und Feiern trifft man sich nicht. »Wir sind ja selbst schon so viele«, sagt Nina.

Die Familie ist da keine Ausnahme, berichtet Wilfried Korell. Der Vorsitzende des Kleingartenverbandes Stadt und Kreis Gießen weiß, dass sich viele Vorstandskollegen in den Anlagen wünschen, dass sich möglichst viele Pächter an den geselligen Treffen beteiligen. Mancherorts klappt es. Die Männer stehen am Grill, während die Frauen eingelegtes Gemüse und Salate auftischen. Aber es gibt auch Gärten, in den die Bewirtschafter der Parzellen nichts miteinander zu tun haben. »Man kann das nicht erzwingen«, sagt Korell. Wie viele von den etwa 1200 Pächtern Russlanddeutsche sind, ist schwer zu sagen, da dies nirgends registriert wird. »Gefühlt« sind es in manchen Kleingärten über 50 Prozent. In den 90er Jahren hat es nach Korells Erinnerung öfter mal Krach gegeben, sodass die Polizei eingreifen musste. Jugendliche hätten in den Datschen der Eltern gefeiert und es übertrieben; zu viele Leute, zu viel Wodka, das war eine explosive Mischung.

Das gibt es heute nicht mehr. Wenn es Unstimmigkeiten gibt, dann höchstens darüber, dass die jungen Leute den Garten lieber als Freizeitgelände nutzen möchten und keine Lust auf Gemüse- und Obstanbau haben. »Das geht aber nicht, das steht auch in der Satzung«, betont Korell. Dies sei jedoch kein typisches Problem mit den Russlanddeutschen, sondern eher ein Generationenproblem.

Die »Alten« sind leidenschaftliche Gärtner. Was soll man ohne Datscha auch den ganzen Tag tun? Auch wenn Rosa kein Heimweh hat, so denkt sie doch manchmal mit Wehmut an früher. Da wurden nicht nur Pflanzen gehegt, sondern auch Tiere gehalten. »Du stellst Dir noch mal eine Kuh in den Garten«, sagt Johannes manchmal im Scherz. »Nu ja«, antwortet Rosa dann, »wir hatten ja immer Viecher«. Weil daraus wohl nichts mehr wird, konzentriert sich die Familie auf den »Ackerbau«. Das Saatgut stammt zum Teil aus der früheren Heimat - wie bei vielen Pächtern. Die Kleingärtner sind sicher, dass die kasachischen oder russischen Sorten robuster und die Früchte aromatischer sind als hier. Auch in einem Samenkorn kann ein Stück Heimat stecken.

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