29. November 2018, 22:05 Uhr

Die Sache mit dem Glauben

Protestant, Katholik, Moslem, Atheist. Spielt die Konfession für kirchliche Arbeitgeber eine Rolle? Die Antwort: Jein. In Stellenausschreibungen dürfen Arbeitgeber die Zugehörigkeit zu einer Kirche nicht abfragen. Zulässig ist aber je nach Tätigkeit der Wunsch nach Identifikation mit christlichen Werten. Wie halten es die Träger in Gießen?
29. November 2018, 22:05 Uhr
Welche Rolle spielt die Konfession im Jahr 2018 noch am Arbeitsplatz? Nicht immer gibt es eindeutige Antworten. (Foto: Fotolia)

Der Bewohner eines evangelischen Pflegeheims beschäftigt sich am Ende seines Lebens mit Vergebung und Schuld. Er ist froh, wenn er sich verstanden fühlt. Nicht nur vom Seelsorger, sondern auch von den Pflegerinnen. Eltern einer katholischen Kindertagesstätte freuen sich, wenn ihr Nachwuchs vor den Mahlzeiten ein Lied singt und für das Essen dankt, welchem Gott auch immer. Sie schätzen die Wertevermittlung. Nichtsesshafte fühlen sich respektiert, wenn Sozialarbeiter sich Zeit für Gespräche nehmen. In allen drei Fällen bringen Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen den ihnen anvertrauten Menschen Zuwendung entgegen. Sie sind empathisch. Aber müssen sie dazu einer Kirche angehören? Es kommt drauf an. Immer wieder passiert es, dass Arbeitsgerichte das Recht des Bewerbers auf Schutz vor Diskriminierung gegen das Recht, kirchlicher Träger auf Autonomie abwägen müssen.

Kirchliche Träger haben das Recht festzulegen, ob die Konfessionszugehörigkeit eines Bewerbers eine berufliche Anforderung für eine bestimmte Stelle ist, erklärt Caritasdirektorin Eva Hofmann. Generell erforderlich ist sie nicht. In speziellen Fällen aber schon, zum Beispiel in Leitungsfunktionen, in denen das christliche Profil einer Einrichtung mitgestaltet wird und die den Verband auch nach außen repräsentieren. Auch im Erziehungsdienst, zum Beispiel in Kitas, sei das der Fall. Nichtsdestotrotz stelle man dort aber auch Mitarbeiter muslimischen Glaubens ein; insbesondere dann, wenn auch muslimische Kinder betreut werden. Ein Beispiel für eine solch offene Haltung hatte es kürzlich auch in Hungen gegeben, wo der Vorstand der evangelischen Kirche sich für eine Muslima als Erzieherin entschieden hatte, die darauf bestand, ihr Kopftuch zu tragen. Dafür hatte es Lob, aber auch heftige Kritik gegeben.

Die Caritas Gießen ist schon seit vielen Jahren vergleichsweise liberal geprägt. Von 719 Mitarbeitern sind 215 katholisch und 331 evangelisch. Bei den übrigen ist keine Konfession erfasst. Der Caritasverband als katholischer Wohlfahrtsverband wünscht sich von seinen Mitarbeitern eine Identifikation mit seinen Zielen, schildert Hofmann. Basis ist die Grundordnung des kirchlichen Dienstes von 2015. Die verlangt nicht unbedingt eine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, aber keinesfalls geduldet wird eine Propagierung von religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen, die im Widerspruch zu katholischen Glaubensinhalten stehen. Das könnte ein Problem werden bei dem Thema Abtreibung oder der Ehe für alle. De facto ist es das vor Ort aber nicht. Das Bistum Mainz ist groß und der Papst weit weg. Eines geht aber auch hier auf keinen Fall: Tritt ein katholischer Mitarbeiter aus der Kirche aus, so gilt das als inakzeptabler Verstoß gegen die Loyalität.

Für den Arbeitgeber ist fachliche Kompetenz das entscheidende Kriterium, betont Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks. Wichtig ist aber auch, dass die Mitarbeiter hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen in das Gefüge der Einrichtung passen. Gerade in den sozialen Bereichen kommen die »weichen Faktoren« zum Tragen: Kritik- und Teamfähigkeit, Engagement in Vereinen, Toleranz und Offenheit, all das sind Aspekte, die Aufschluss geben können. In der Diakonie hat bereits in den 90er Jahren ein Prozess des Aufbruchs begonnen, schildert Claes. Die Zeiten, in denen ein konfessionsloser Mitarbeiter erst nach Eintritt in die Kirche einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekam, gehören der Vergangenheit an. Die Diakonie befinde sich in einer strukturellen Umbauphase; in den Einrichtungen vor Ort gelinge es jedoch immer, zu einer Lösung zu kommen. Natürlich spiele auch die Art der Tätigkeit eine Rolle: In der Verwaltung beispielsweise ist eine christliche Grundhaltung weniger wichtig als im sozialen und pädagogischen Bereich. Unerlässlich ist sie wie auch beim Caritasverband auf der Leitungsebene.

Einen Konflikt vor dem Arbeitsgericht können Arbeitgeber vielfach schon im Vorfeld vermeiden, indem sie die Ausschreibung »sauber« formulieren. Dann ist auch die Sache mit dem Glauben kein Problem.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitgeber
  • Arbeitsgerichte
  • Atheisten
  • Caritas
  • Christentum
  • Evangelische Kirche
  • Gießen
  • Glaube
  • Katholikinnen und Katholiken
  • Katholizismus
  • Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen
  • Konfessionen
  • Muslime
  • Protestanten
  • Christine Steines
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.