Stadt Gießen

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Enkeltrick

In Gießen wurde eine 80-jährige Frau von Enkeltrickbetrügern um 69000 Euro gebracht. Obwohl die Masche alt ist, sind die Täter regelmäßig erfolgreich. Was rät die Polizei? Wie reagieren Banken?
20. September 2019, 11:00 Uhr
Kays Al-Khanak

Dieser Fall machte Ende vergangener Woche fassunglos: In der Neustadt waren Betrüger bei einer 80 Jahre alten Frau mit dem sogenannten Enkeltrick erfolgreich. Sie erbeuteten insgesamt 69 000 Euro. Das Pikante dabei: Die Frau hob zwei Mal kurz hintereinander jeweils einen sehr hohen Betrag bei ihrer Bank ab. Trotz der regelmäßigen Aufklärungskampagnen der Polizei und Medienberichten funktioniert der Trick immer wieder. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Enkeltrick.

? Was ist der sogenannte Enkeltrick überhaupt?

Der Enkeltrick ist eine Betrugsform, die sich gezielt gegen ältere Menschen richtet. Dabei gibt sich der Betrüger am Telefon als Verwandter oder Bekannter aus, zum Beispiel als dessen Enkel, Neffe oder Nichte.

? Wie läuft dieser Trickbetrug in der Regel ab?

»Rate mal, wer dran ist?« Mit diesen Worten oder ähnlichen Formulierungen werden die Gespräche oft eröffnet. Schnell täuschen die Anrufer eine dringende, persönliche Notlage und einen finanziellen Engpass vor. Dies kann beispielsweise der Kauf eines Autos oder einer Wohnung sein. Die Anrufer bitten daraufhin nachdrücklich um finanzielle Hilfe und fordern kurzfristige Bargeldzahlungen, um sich aus einer Notlage zu befreien. Natürlich, heißt es dann oft, werde das Geld zurückgezahlt. Wenn die Angerufenen kein Bargeld zuhause haben, werden sie gebeten, den entsprechenden Betrag bei ihrer Bank zu besorgen. Die Lage wird immer als äußerst dringlich dargestellt; die Angerufenen werden durch mehrmalige Anrufe unter Druck gesetzt. Zögern sie, wird nicht selten mit dem Abbruch der Beziehung gedroht. Sobald dem potenziellen Opfer das Geld zur Verfügung steht und es sich zur »Hilfe« bereit erklärt hat, kündigen die Anrufer einen Boten an, zum Beispiel einen Freund oder Mitarbeiter eines Notarbüros. Der holt das Geld bei den Opfern ab.

? Handelt es sich bei den Betrügern um Einzeltäter oder Banden?

Ganz klar: In der Regel handelt es sich um organisierte Banden, die meistens aus Ausland heaus operieren. Der Sprecher der Polizei Mittelhessen, Jörg Reinemer, spricht von regelrechten Callcentern, in denen die »sehr gut geschulten« Anrufer auf die Suche nach Opfern gehen. Lediglich der Abholer befindet sich in der Nähe, um schnell reagieren und das Geld an sich nehmen zu können. Das mache die Verfolgung der Betrüger natürlich schwer, sagt Reinemer. Es ist übrigens nicht so, dass die Banden »nur« den Enkeltrick anwenden. Genauso gehen auch Trickbetrügereien wie falsche Polizisten oder die vorgeschwindelte große Liebe - das sogenannte Love Scamming - auf ihr Konto.

? Wie sollen sich Betroffene in einer solchen Situation verhalten?

Angerufene sollten immer nach dem Namen des Anrufers fragen und sich vergewissern, ob es sich tatsächlich um einen Verwandten handelt. Generell sollte man Vorsicht bei Forderungen nach Bargeld am Telefon walten lassen. Passiere dies, sollten Angerufene sofort den Hörer auflegen und niemals Details zu finanziellen und familiären Verhältnissen preisgeben, rät die Polizei. Ebenso sollten Betroffene kein Bargeld oder keine Wertsachen an Fremde übergeben sowie kein Bargeld bei der Bank beschaffen. Wer einen Trickbetrug vermutet, sollte vor der Geldübergabe die Polizei (Notruf 110) anrufen. Generell raten die Ermittler, die Telefonnummer nur mit abgekürztem oder ohne Vornamen eintragen zu lassen. Denn Trickbetrüger suchen ganz gezielt nach älteren Vornamen.

? Was sollen Menschen tun, die Opfer eines solchen Betrugs geworden sind?

Die Polizei betont: Niemand müsse sich schämen, wenn er Opfer von Betrügern geworden ist. Auch wenn es schwer falle, sollte Anzeige bei der Polizei erstattet werden. Außerdem bieten Beamte eine kostenlose Beratung zu dem Thema an und informieren zum Opferschutz sowie zu Hilfeeinrichtungen.

? Werden Bankmitarbeiter zum Thema Enkeltrick geschult?

Volksbank-Sprecher Dennis Vollmer hebt die Zusammenarbeit mit der Polizei hervor. Die präventive Arbeit und Unterstützung der regionalen Strafverfolgungsbehörden ermögliche den Sicherheitsspezialisten der Bank, der Bedrohung durch den Enkeltrick frühzeitig entgegenzuwirken, sagt er. »Die Mitarbeiter in den Geschäftsstellen werden regelmäßig und zudem anlassbezogen geschult. Wenn die Polizei uns auf eine vermehrte kriminelle Aktivität hinweist, nehmen wir weitere Schulungen vor.«

? Was sollen die Mitarbeiter einer Bank in solchen Verdachtsfällen tun?

Die Polizei zum Beispiel rät Bankmitarbeitern, in solchen Fällen nach dem Zweck der Abhebung zu fragen. Empfohlen wird, die Raumüberwachung auszulösen, wenn sich eine Begleitperson im Schalterraum befindet, und im Zweifelsfall die 110 zu wählen. Außerdem sollen die Bankmitarbeiter deutlich machen, dass Barzahlungen ein Hinweis auf eine Betrugshandlung sein können. »Bieten Sie einen Anruf bei einem Verwandten an. Wichtig ist, dass auf keinen Fall die Nummer angerufen wird, die vom vermeintlichen Betrüger (Enkel oder Verwandter) angegeben wurde«, heißt es in der Handreichung. Die Angestellten, die Auszahlungen an Kunden vornehmen, seien sensibilisiert und wüssten genau, auf welche Signale sie achten müssten, betont Volksbanksprecher Vollmer - auch, weil zwischen den Beratern und den Kunden oft ein besonderes Vertrauensverhältnis bestehe. Bei einem konkreten Verdacht versuchten sie durch gezielte Nachfragen den Grund für die außergewöhnliche Auszahlung zu erfahren. Im Zweifel würden sie den Kunden explizit auf die Masche des Enkeltricks hinweisen. »Allerdings muss man auch zugeben, dass an dieser Stelle die Möglichkeiten begrenzt sind«, betont Vollmer. »Sollte der Kunde auf einer Auszahlung bestehen, werden wir diese natürlich auch leisten.« Schließlich könne es auch sein, dass die Auszahlung tatsächlich einen normalen Hintergrund habe.

? Der Enkeltrick ist bekannt. Warum fallen trotzdem immer wieder Menschen darauf herein?

Man dürfe den immensen psychologischen Druck nicht unterschätzen, den die Betrüger auf die Angerufenen aufbauen, sagt Polizeisprecher Jörg Reinemer. Es sei vergleichbar mit Schockanrufen, in denen die Täter das Szenario einer akuten Notsituation zeichnen. Gerade ältere Menschen, die vielleicht alleine leben und weniger soziale Kontakte haben, könnten diesem Druck schwer standhalten. Was man laut Reinemer aber auch nicht vergessen dürfe: »Von 100 Angerufenen legen 99 auf, aber die eine Person fällt darauf herein und wird um eine hohe Geldsumme gebracht.« (Foto: dpa)

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