Stadt Gießen

Drei starke Gießener Frauen aus drei Generationen

Gießen ist längst ihr Zuhause, aber ein Stück alte Heimat tragen Olga (69), Larissa (49) und Anastasia (29) noch im Herzen. Sie kamen einst aus Kasachstan an die Lahn. Ein Dreier-Porträt.
22. Juni 2019, 14:00 Uhr
Christine Steines
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Erst herzhaft oder erst süß? Wer das Glück hat, in Olga Luzis Wohnzimmer eingeladen zu werden, hat die Qual der Wahl. Sie hat »ein bisschen was« vorbereitet, sagt sie. Doch statt des erwarteten Kaffees und ein paar Keksen biegt sich der Tisch unter den Speisen. Köstlich gefüllte Teigtaschen, leckeres Gebäck, Obst, Nüsse, Bonbons. »Omas Honigkuchen ist fantastisch«, sagt Anastasia. Bei Familienfeiern - und davon gibt es viele - ist er unverzichtbar. »Darauf bestehe ich«, sagt sie und lacht. Der Honigkuchen ist sahnig und süß, die junge Frau liebt ihn. Für Anastasia schmeckt er nach Kindheit. Nach einer unbeschwerten Zeit in einem fernen Land. Für Olga schmeckt er nach Heimat. Wenn sie von »zu Hause« spricht, steigen ihr schnell mal ein paar Tränen in die Augen. Dabei ist sie nicht unglücklich in Gießen. Sie liebt ihre schmucke Wohnung in der Weststadt, kein Staubkörnchen liegt auf dem glänzenden Holz der Möbel, in der Vitrine steht liebevoll arrangiert das feine Geschirr, ein großer, freundlicher Kater leistet ihr Gesellschaft. Und das Wichtigste: Ihre Kinder und Enkel leben in der Nähe. Das ist entscheidend. Sie sagt: »Heimat ist da, wo die Familie ist«.

Das Gespräch über das Essen führt mitten hinein ins Thema. Fühlen sich die Frauen als Deutsche, als Russinnen, als Kasachinnen? Als Europäerinnen? Wie haben 20 Jahre ihre Beziehung zum Herkunftsland verändert? Es ist eine Generationenfrage, aber auch eine des Typs. Anastasia war zehn Jahre alt, als die Familie über das Lager Friedland nach Deutschland einreiste, zunächst ging es in eine Übergangswohnung in Laubach. Mit Sack und Pack machten sie sich vom Frankfurter Bahnhof auf den Weg. Vater, Mutter, Kind, Großmutter und Uroma. Die schritt mutig voran, denn die 88-Jährige konnte am besten deutsch. Anastasia hüpfte fröhlich an ihrer Seite auf und ab: Für sie war es der Beginn eines großen Abenteuers. Was hatten sie nicht alles gehört von diesem reichen Land, in dem die Läden überzuquellen schienen und in dem man alles kaufen konnte?

Nicht enttäuscht

Das Mädchen wurde nicht enttäuscht. Reich ist zwar keiner von ihnen geworden, aber das ist für die Familie auch nicht bedeutsam. Anastasia hat ihren Weg gemacht. Sie war schon immer ein »Sonnenscheinchen«, sie ist offen und optimistisch. In der Schule hat sie sofort Freunde gefunden, zunächst in der Korczakschule, später in der Ostschule und nach einem Wohnungswechsel in der Herderschule. Sie hat die Sprache sehr schnell gelernt und alles andere auch - tanzen beim TC Nova Gießen zum Beispiel. Das war jahrelang ihre Leidenschaft. Nach dem Schulabschluss ist sie Friseurin geworden, und auch ihren Beruf übt sie mit Leidenschaft aus. »Ich habe mit vielen Menschen zu tun, das liebe ich«. Apropos Liebe: Vor knapp zwei Jahren hat sie geheiratet, erst standesamtlich, dann ein Jahr später kirchlich mit einer romantischen Zeremonie und einer großen Feier. Ihr Ehemann ist wie sie in der Weststadt großgeworden. Er hat keine russischen Wurzeln, sondern »zur Hälfte« amerikanische. »Meine Familie hat ihn ins Herz geschlossen, inklusive dunklem Teint«, sagt Anastasia mit einem Augenzwinkern. Ihr Freundeskreis ist heute bunt gemischt, alle möglichen Nationalitäten kommen da zusammen. Die 29-Jährige fühlt sich deutsch, der Lebensstil ist es auf jeden Fall. Aber »innendrin« ist noch vieles russisch, überlegt sie. Der Familienzusammenhalt ist ihr ganz wichtig. Einer ist für den anderen da, etwas anderes ist undenkbar. »Ein Altersheim ist für uns ein No-Go«, sagt sie. Respekt und Achtung vor alten Menschen zu haben, hat sie von klein auf verinnerlicht.

Altrsheim? Ein No-Go!

»Das sind Werte, die in beiden Kulturen nach und nach verloren gehen«, schaltet sich Larissa ein. Die 49-Jährige ist ein ganz anderer Typ als ihre Tochter. Während Anastasia übersprudelt vor Temperament, ist Larissa ruhig und zurückhaltend. Sie ist eine Perfektionistin, und damit steht sie sich manchmal selbst im Weg. Bevor sie nicht zu 100 Prozent sicher ist, dass ein Satz grammatikalisch korrekt ist, sagt sie lieber nichts. Das hat dazu geführt, dass sie in der neuen Heimat ihre Fähigkeiten nicht weiter ausgebaut hat. In der alten Heimat war sie Buchhalterin, hier in Gießen ist sie als Reinigungskraft bei der Stadt beschäftigt. Aber sie beschwert sich nicht. »Ich fühle mich wohl«. Auch im Kreis der Kolleginnen gebe es ein freundschaftliches Miteinander. Doch die wirklich engen Bindungen bestehen zur Familie, sie ist Larissas Kosmos. Sie hätte sich gefreut, wenn Anastasia studiert und einen akademischen Beruf ergriffen hätte. Doch sie akzeptiert den Weg ihrer Tochter. »Ich bin glücklich, wenn Du glücklich bist«, sagt sie mit einem zärtlichen Lächeln zu ihrer Tochter. Die 49-Jährige ist die stillste und die politischste der drei Frauen. Sie ist froh und stolz, in Deutschland zu leben. Es ist ihr Land geworden. Deshalb findet sie es auch peinlich, wenn »wir« uns im Ausland blamieren. »Es kann doch nicht sein, dass die Kanzlerin zu spät zu einem Gipfel erscheint, weil die Flugzeuge defekt sind«, nennt sie ein Beispiel und schüttelt den Kopf. Sie war so alt wie Anastasia heute, als sie ihre kasachische Heimatstadt Schymkent verließ. Es ging der Familie damals materiell nicht schlecht, aber die Chance auf eine bessere Zukunft in einem freien Land bewog ihren Mann Wladimir und sie, die Ausreise zu beantragen.

Chance auf besseres Leben

Wirklich schlimme Erfahrungen mit dem Sowjetregime hat nur Olga gemacht. Sie ging als Kind in eine russische Schule, dort durfte die deutsche Muttersprache nicht gesprochen werden, als junge Frau wurde sie zum Arbeitsdienst abkommandiert. Menschen mit deutschen Wurzeln galten als Bürger zweiter Klasse. Als sich Ende der 80er Jahre die Chance auf ein besseres Leben im Westen bot, zögerte sie nicht lange. Sie war hier wie ihre Tochter als Putzfrau tätig. Ihre erste Zeit in Deutschland war nicht leicht, natürlich gab es Vorurteile gegen »die Russen«, erinnert sie sich. Aber neben überheblicher Ignoranz habe es immer auch sehr hilfsbereite, freundliche Begegnungen gegeben. »Es gibt überall gute und nicht so gute Menschen«, sagt sie mit einem Lächeln. Keinen Kontakt haben die Frauen zu ihren Landsleuten, die sich abgrenzen und lieber »unter sich« bleiben. »In unserem Umfeld werden die Unterschiede von Generation zu Generation kleiner, und das ist gut so«, sagt Anastasia.

Auch optisch haben sich die Menschen angenähert, meint sie. In ihrer Familie legen die Frauen viel Wert auf ihr Äußeres. Modisch, stylisch, gepflegt, aber auf keinen Fall billig mit viel »Blingbling«. Als sie vor 20 Jahren nach Deutschland kamen, waren sie mehr als irritiert darüber, wie Frauen sich hier kleideten. Ungeschminkt und im Schlabberlook auf die Straße gehen? Niemals! »Wir waren schockiert, wenn wir Leute mit Jogginghosen und Schlappen beim Bäcker gesehen haben.« Wie kann man sich so zeigen? Ein Rätsel. Damals, so der Eindruck der neuen Gießenerinnen, haben viele Frauen nicht so viel aus ihrem Typ gemacht. Sich zu schminken, sich schick anzuziehen, hohe Schuhe zu tragen, seine Weiblichkeit zu betonen, das war damals oft verpönt. »Wir haben uns sehr gewundert«, erinnert sich Anastasia und lacht. Doch die Zeit sei zum Glück lange vorbei.

Wenn sich Großmutter, Tochter und Enkelin heute in der Stadt treffen, um gemeinsam die Mittagspause zu verbringen, unterscheiden sie sich nicht von anderen Gästen des Cafés. Selbstbewusste, starke Frauen. Sich einen zärtlichen Blick zurück zu bewahren und offen für Neues zu sein, ist kein schlechtes Lebensrezept. Und wenn dann auch noch das Rezept für den Honigkuchen von Generation zu Generation weitergegeben wird, tut das der deutsch-russischen Seele gut.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Drei-starke-Giessener-Frauen-aus-drei-Generationen;art71,604694

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