16. Dezember 2018, 19:25 Uhr

Durchsichtig und detailfreudig

16. Dezember 2018, 19:25 Uhr
Chormitglieder singen hingebungsvoll das »Jauchzet, frohlocket«. (Foto: jou)

Gießen (jpu). Die Aufführung von Johann Sebastian Bachs »Weihnachtsoratorium« durch die beiden großen evangelischen Kantoreien bildet in Gießen eine feste Tradition zur Adventszeit. Angesichts der raffinierten Polyphonie und variablen Instrumentation zwischen kammermusikalischer Dezenz und orchestraler Farbigkeit dürften viele Hörer gleichwohl immer wieder neue Facetten entdecken. So gewiss auch bei der niveauvollen Interpretation der ersten drei Kantaten am Samstag in der Petruskirche.

Unter Leitung von Marina Sagorski verbanden die Petruskantorei und Camerata gisensis gemeinsam mit hervorragenden Solisten dramaturgisch stimmig kontemplativ-ruhige Momente und glanzvoll festliche Passagen zu einem großen Ganzen. Mit warmherzigem Vortrag vermochten sich der Jugendchor der Gemeinde sowie der Kinderchor der Grundschule Gießen-West harmonisch einzufügen.

Schon der Eröffnungschor »Jauchzet, frohlocket« sorgte für ein Aha-Erlebnis mit dem frappierend transparenten Klangbild des Orchesters und dem ebenso deutlich artikulierenden, räumlich breit aufgefächert hervortretenden Chor. Besonders gefiel die wohldosierte intonatorische Schärfe der Trompeten. Kantorin Sagorski wählte ein moderates, die weihevollen Züge unterstreichendes Tempo. Die bewusste, natürlich wirkende Tempogestaltung zog sich durch den ganzen Abend. Zudem zeigte sich sehr ansprechend der Zykluscharakter der jeweils in sich abgeschlossenen, 1734/35 an verschiedenen Feiertagen uraufgeführten Kantaten.

Die Solisten erwiesen sich als durchweg souverän. Tenor Clemens Löschmann in der Evangelistenrolle gestaltete die Rezitative prägnant, mit glockenartig leuchtender Stimme. Eine besondere Note gab der Aufführung Falsettist Dmitry Egorov: Mit nuanciertem Timbre gelang ihm etwa die Altarie »Bereite dich, Zion«; wie es sich gehört, verlieh er den zahlreichen Phrasenwiederholungen immer neue Schattierungen. Im Wechsel mit dem Kinder- und Jugendchor sang Bassist Raimonds Spogis das Rezitativ »Wer will die Liebe recht erhöh’n, die unser Heiland für uns hegt?« bedeutungsschwer. In seiner nicht minder gewichtigen Interpretation erstrahlte die Arie »Großer Herr, o starker König« in ganzer Pracht.

Ein Glücksgriff war es, die Arie »Süßer Trost, mein Jesus kömmt« aus der gleichnamigen Weihnachtskantate BWV 151 einzuschieben: Der Gesang der Sopranistin Gabriele Hierdeis verströmte hier aus Glaubensgewissheit schöpfende innere Freude und entfaltete sich gleichermaßen makellos-elegant wie die arabeskenhafte, von Regina Wendt gespielte Flötenuntermalung.

Insgesamt kennzeichnete die Aufführung vornehme Anschaulichkeit, gepaart mit Detailverliebtheit. Von zeitloser Schönheit war die friedvolle Sinfonia zu Beginn der zweiten Kantate. Ebenso ausgefeilt schien die dynamische Gestaltung sowie am Ende die stetige Temporücknahme beim Choral »Brich an, du schönes Morgenlicht«.

Durchweg gelangen die musikalischen Bögen bei den Chorälen in sich rund. Selbst in komplexen Sätzen wie den Chören »Ehre sei Gott in der Höhe« und »Lasset uns nun gehen gen Bethlehem« blieb die Durchsichtigkeit bewahrt.

Die Hörer folgten der Darbietung gebannt und spendeten nach dem Schlusschor »Herrscher des Himmels« begeisterten Applaus und Bravorufe.

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