02. Oktober 2018, 06:30 Uhr

Diskussionsabend

Ein Europa, viele Meinungen

Alt nennt man ihn ja schon lange, unseren Kontinent. Aber nun ist er wohl völlig aus der Mode. Oder? Wird Europa nur schlecht geredet und ist in Wahrheit jung, stark und absolut hip? Wir möchten mit Ihnen darüber diskutieren.
02. Oktober 2018, 06:30 Uhr
Wohin führt der Weg der Europäischen Union? In Zeiten, in denen der Nationalstaat wieder »in« ist, hat das Bündnis zuweilen einen schweren Stand. (Fotos: dpa)

Im nächsten Jahr wird ein neues Europaparlament gewählt. Die Politiker bereiten sich schon darauf vor. Ganz besonders auch die Parteien, die Europa gar nicht wollen, jedenfalls nicht so stark wie jetzt. Der Nationalstaat ist wieder in. Wir sind wir! Ganz nach Trumps Motto »America first!« denken auch zum Beispiel viele Ungarn, Polen, Franzosen, Italiener und auch Deutsche an sich selbst zuerst. Und die Briten wollen ganz raus, nur ist immer noch nicht klar, wie das letztlich funktionieren soll.

 

EU besser als ihr Ruf

Ja, Europa ist reformbedürftig. Aber nationale Interessen haben bislang eine Verfassung verhindert, die diesen Namen auch verdient. Respekt bringt der EU und dem Gremium kaum jemand entgegen. Jedes Kind weiß die Geschichte vom Krümmungsgrad der Gurken (übrigens eine Legende) zu erzählen und von anderen Gesetzen, die absurd klingen und es auch sind. Wir sagen: Die EU ist besser als ihr Ruf. Sie verdient zwar Kritik, aber auch Anerkennung, und sie ist für Europa überlebenswichtig. Die EU hat uns Frieden und Wohlstand gebracht. Wer vergessen hat, wie die Völker des Kontinents früher ihre Konflikte gelöst, wie sie versucht haben, andere zu dominieren, zu unterdrücken, der sollte die Schlachtfelder des Ersten und Zweiten Weltkriegs besuchen: Flandern, Stalingrad, Dresden, Coventry und die Ardennen. Zum Beispiel. Und die Vernichtungslager in Auschwitz und Buchenwald.

 

Teilnehmer erwartet lebhafte Diskussion

Das heutige Europa zeigt sich oft geschäftsmäßig und leidenschaftslos, aber es ist die richtige Antwort auf ein emotionsgeladenes Jahrhundert mit zwei verheerenden Kriegen. Wir müssen Europa nicht lieben, aber wir sollten anerkennen, dass die EU vielen Menschen auf dem Kontinent Wohlstand gebracht hat. Uns geht’s gut in Deutschland. Wir haben vom europäischen Binnenmarkt so stark profitiert wie kein anderes EU-Mitglied. Ja, man kann das auch anders sehen.

Sibylle Sorg (Foto: bf)
Sibylle Sorg (Foto: bf)

Getreu dem Motto »Ein Europa, viele Meinungen« möchten wir mit Ihnen über den »alten Kontinent« diskutieren. Auf dem Podium sitzt Frau Sibylle Sorg. Sie ist Botschafterin und Beauftragte für die Beziehungen zu den Mitgliedstaaten der EU sowie grenzüberschreitende und regionale Zusammenarbeit. Wir haben ihr vorab einige Fragen zum Thema gestellt.

 

Frau Sorg, Sie sind Beauftragte für die Mitgliedsstaaten der EU im Auswärtigen Amt. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Sibylle Sorg: Unsere Aufgabe in der Europaabteilung des Außenministeriums ist es, deutsche Interessen zu vertreten und die EU stark zu machen. Das ist letztlich ein und dasselbe, denn unsere Interessen lassen sich nun mal am besten über eine starke, handlungsfähige EU verfolgen. Für mich bedeutet das konkret, mit allen Partnerstaaten kontinuierlich im Gespräch sein, unsere Positionen erklären, Gemeinsamkeiten verstärken, bei Differenzen Kompromisse suchen, kurz gesagt: das bestmögliche Verhältnis herzustellen.

 

Wie viele Mitgliedsstaaten stehen denn noch fest zur EU?

Sorg: Natürlich stehen alle Mitgliedsstaaten zur EU – aber sie haben teilweise unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es mit Europa weitergehen soll. Das war allerdings in der Geschichte der EU fast immer so. Und sehr oft hat sich gerade die europäische Integration als das beste Mittel erwiesen, Kompromisse zu erreichen, die am Ende allen nützen. Das stimmt mich für die Zukunft optimistisch.

 

Was ist aktuell die wohl größte Herausforderung für die Europäische Union?

Sorg: Die EU muss parallel zwei Aufgaben lösen: nach innen müssen wir immer wieder neue Brücken zwischen Ost und West, Nord und Süd bauen – auch bei kontroversen Themen wie Migration. Nach außen müssen wir Europäer unsere Interessen in einer sich sehr schnell verändernden Welt durchsetzen. Nur als Stichworte erwähne ich die Beziehungen zu den USA und den Aufstieg Chinas.

 

Im nächsten Frühjahr steht der Brexit bevor. Was erwarten Sie? Ende gut, alles gut? Oder ein Ende mit Schrecken?

Sorg: Wir bedauern die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, nach wie vor sehr. Jetzt gilt es, das Beste daraus zu machen. Unser klares Ziel ist ein geregelter Austritt mit der Vereinbarung eines Austrittsabkommens. Wir haben noch Wochen härtester Arbeit vor uns, aber bleiben zuversichtlich, dass dies gelingen kann. Für die Zukunft wünschen wir uns eine enge Partnerschaft mit dem Vereinigten Königreich. Leider wird sie aber weniger eng sein als unsere gemeinsame Mitgliedschaft in der EU.

 

Es ist still geworden um den Euro. Probleme gelöst – oder kommt das Thema bald mit Macht zurück?

Sorg: Wir haben den Euro stabilisiert und auch in den Krisenländern geht es mittlerweile wirtschaftlich aufwärts. Diese wiedergewonnene Stabilität müssen wir nutzen, um die Konstruktionsfehler der Eurozone zu beseitigen, damit das Thema gerade nicht mit Macht zurückkommt. Wir können die Hände nicht in den Schoß legen. Die Jugendarbeitslosigkeit z.B. ist zwar europaweit zurückgegangen, aber an vielen Orten immer noch viel zu hoch.

 

Was erwartet unsere Leser, wenn Sie sich für den Diskussionsabend in Gießen anmelden?

Sorg: Sicher kein trockener Vortrag, sondern eine lebhafte Diskussion. Die Debatte um die Zukunft der Europäischen Union ist in vollem Gange und da ist jeder von uns gefragt, denn es geht um viel. Ich bin jedenfalls sehr auf die Einschätzungen Ihrer Leserinnen und Leser gespannt und freue mich auf den Austausch!

Info

Gesprächsrunde am 8. Oktober

Vor welchen Herausforderungen steht die EU? Kann sie unsere Zukunft sichern und wie machen wir sie krisenfest? Diese und andere Themen können Sie, liebe Leserinnen und Leser, am Montag, 8. Oktober, mit Sibylle Sorg, Beauftragte für die Mitgliedsstaaten der EU im Auswärtigen Amt, diskutieren. Die gemeinsame Veranstaltung von Auswärtigem Amt, Gießener Allgemeine, Alsfelder Allgemeine und Wetterauer Zeitung findet statt im Verlagsgebäude der Mittelhessischen Druck- und Verlagshaus GmbH, Marburger Straße 20, in Gießen. Moderator ist Burkhard Bräuning, stellvertretender Chefredakteur der Gießener Allgemeinen. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Anmeldung bitte an die E-Mail-Adresse marketing@mdv-online.de. Weitere Informationen im Internet unter www.diplo.de/aussenpolitiklive.

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