15. Oktober 2019, 22:02 Uhr

Ein Stärkung gibt es immer

15. Oktober 2019, 22:02 Uhr
Ständchen am Bahnsteig: Der »Chor Betreutes Wohnen« des Caritasverbands singt zum Abschluss des Festtages. (Foto: csk)

Die Schmalzbrote füllen eine Lücke. Vor allem aber zeugen sie von großer Resonanz. Schließlich sind die Waffeln bereits aus, als Christine Wessely lange vor dem offiziellen Ende das Fest zum 125-jährigen Bestehen der Deutschen Bahnhofsmission resümiert. Die Gießener Leiterin ist »sehr zufrieden mit dem Tag«. »Etwas mehr Publikum« wäre hier und da zwar schön gewesen, sagt sie. Aber so sei das nun mal auf einem Bahnhof. »Die Menschen steigen ein oder aus und kommen vorher oder hinterher vorbei.« Seit wann die Anlaufstelle für Rat- und Hilfesuchende in Gießen existiert, weiß niemand. Welches Angebot zur Stärkung »typisch Bahnhofsmission« ist, wissen dagegen nicht nur Gestrandete: ein Tee - und eben ein Schmalzbrot.

Drei Stunden, bevor an Gleis 1 das Gebäck zur Neige geht, beginnt in der Halle ein Reigen warmer Worte. »Das Beste am Gießener Bahnhof ist die Bahnhofsmission«, betont Dietlind Grabe-Bolz, angelehnt an dieses arg zweifelhafte Kompliment Justus von Liebigs. »Das Beste an Gießen ist sein Bahnhof«, habe der Chemiker einst geunkt, erzählt die Oberbürgermeisterin. Tatsächlich steckt in Liebigs offenbar recht ausgeprägtem Fluchtinstinkt auch jene Ambivalenz, die Grabe-Bolz am Samstag beschwört.

Bahnhöfe seien Orte des Aufbruchs, der Ankunft und des Wiedersehens, erklärt sie, aber ebenso des Festsitzens und Nicht-Weiterkommens. Einerseits seien sie »ein Symbol für Mobilität«, andererseits eher eines »für Endstation«. Bei alldem helfe die Mission - mit Rat und Tat und vor allem mit »stets offenem Ohr«. Dass gerade das Zuhören riesige Bedeutung haben kann, unterstreicht Propst Matthias Schmidt. Nach dem Bahnsteig-Attentat von Frankfurt hätten viele Menschen in der Bahnhofsmission einen Ort zum Trauern gefunden, berichtet er. Fernab solcher Ausnahmezustände setzten die Ehrenamtler in den blauen Westen ohnehin tagtäglich »ein Zeichen für die offene, freundliche und solidarische Gesellschaft«.

Weitere Grußworte sprechen der Dekan André Witte-Karp sowie Bahnhofsmanager Carsten Hoepfner. Für die ersten kritischen Worte zeichnet Peter Meilinger in seiner Rolle als Bahnhofsvorsteher Gustav Kempf verantwortlich. »Dass wir eine Bahnhofsmission heute noch brauchen in so einem reichen Land, ist fast eine Schande«. Von der Deutschen Bahn verlangt er mehr Service: Hilfsbedürftigen Fahrgästen selbst zu helfen sei, nur zum Beispiel, an Flughäfen »völlig normal und selbstverständlich«.

Den Reden folgt eine Andacht mit City-Seelsorger Gerd Tuchscherer und Pfarrerin Cornelia Weber. Die musikalische Gestaltung übernehmen der Posaunenchor der Martinsgemeinde Heuchelheim sowie der Gospelchor »Swinging Voices« aus Sellnrod. Meilingers Auftritt leitet dann zum geselligen Teil über, zu dem die Georg-Schlosser-Stiftung eine 1000-Euro-Spende mitbringt und eine Fotoausstellung über die Geschichte der Bahn und der Bahnhofsmission von Jürgen Röhrig jedem und jeder das Verweilen an Gleis 1 schmackhaft macht. Vielleicht sogar ein bisschen schmackhafter ist das Kuchen- und Waffelangebot. Als der »Chor Betreutes Wohnen« des Caritasverbands sein Geburtstagsständchen singt, sind zumindest die Waffeln ausverkauft. Ist aber kein Problem. Ein Schmalzbrot hat die Mission immer parat.

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