04. September 2019, 21:56 Uhr

Ein Verlierertyp, kein Monster

04. September 2019, 21:56 Uhr
Pedro Hafermann und Esra Schreier im Stück »Bist du’s, Franz«. (Foto: pm/Friese)

Es ist nicht leicht, einen neuen, frischen Blick auf einen literarischen Klassiker zu bekommen, der so überinterpretiert wurde wie Georg Büchners Woyzeck. Andreas Eikenroth ist das mit seinem Comic und der Vorstellung mit Ausstellung und szenischer Lesung in der Gießener Anschlussverwendung gelungen. Das liegt auch daran, dass er den Comic als »grafische Inszenierung, ein Theaterstück auf Papier« angedacht hat, und so eine Lebendigkeit entsteht, die tatsächlich neue Elemente in den altbekannten Stoff bringt.

Andreas Eikenroth war also nicht nur als Comic-Autor tätig, sondern als »Regisseur, Dramaturg, Kostüm- und Bühnenbildner«. Neben dem Verkaufen und Signieren des »grafischen Bühnenstücks« wurde dem Publikum mit der szenischen Lesung »Bist du’s, Franz« von Pedro Hafermann und Esra Schreier auch ein Mini-Theaterstück geboten, das sich auf die Liebe zwischen Marie und Woyzeck konzentrierte.

Während sich Andreas Eikenroth um eine neue Sichtweise auf die Figur Woyzeck bemühte, erzählte das Stück die Geschichte der Marie. Das regte zum Nachdenken an: Wie würde man einen Klassiker interpretieren, wenn nicht Klaus Kinski seinen Wahnsinn mit dieser Figur verbunden hätte und der Stoff in der Schule immer wieder auf die gleiche trockene Art durchgekaut würde?

Dieses Problem und Klaus Kinski als erste Assoziation griff Anreas Eikenroth in seiner Eröffnungsrede auf und erklärte seinen persönlichen Bezug und die Intension: »Ich will euch Woyzeck so zeigen, wie ich ihn erlebe und fühle.« Nämlich als Verlierertypen, nicht als Monster oder Psychopathen.

Als einen Menschen mit großem Herz, der an den gesellschaftlichen Strukturen zugrunde geht. Und diese Thematik ist aktueller denn je. Durch seine Arbeit als Techniker am Theater und mit seinem Wohnort Gießen, den er als »Woyzeck-Land« bezeichnet, drängte sich ihm der Stoff förmlich auf - und die Idee, ihn ganz neu und anders zu vermitteln, reizte ihn. Er stellte die Geschichte so zusammen, wie sie für ihn am schlüssigsten schien und hielt sich eng ans Original.

Die Schauspielerin Esra Schreier vom Stadttheater Gießen und der Künstler und Autor Pedro Hafermann wollten mit ihrem Stück die Aufmerksamkeit auf den Charakter Marie lenken. »Ihre Geschichte erzählen, ihre Figur mit Seele füllen«, so beschreibt es Esra Schreier: Marie, die kleine Frau mit großer Sehnsucht nach Nähe und Liebe, eindrucksvoll untermalt durch ihre Interpretation des Songs »kleine Frau« von Tamara Danz.

Das Stück entstand als »Gemeinschaftsarbeit«; der Text stammt von Pedro Hafermann. Eine Zusammenarbeit mit Esra Schreier war schon lange geplant: »Als ich auf die Idee kam, mich wieder Woyzecks Marie zu widmen, war mir klar, dass sie das ist.« Einzig auf Dialoge zwischen Woyzeck und Marie reduziert, wirkte die Inszenierung besonders intensiv. Empathie für beide Figuren wurde geweckt.

Anschließend gab es Zeit für Gespräche, Bücher wurden gekauft und signiert und als Snack wurden natürlich Erbsenhäppchen gereicht.

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