10. November 2019, 18:31 Uhr

Ein deutscher Sehnsuchtsort

10. November 2019, 18:31 Uhr
Über den Mauerfall diskutierten (v. l.) Heinz Dörr, Monika Kresov, Dr. Christoph Ullrich, Jörg Bombach und Dr. Alois Rhiel. (Foto: csk)

Wie viele Briefe es waren, weiß Monika Kresov nicht so genau. Fest steht: Über lange Zeit schrieb sie fast jede Woche an die DDR-Behörden. Denn Kresov wollte in die Bundesrepublik ausreisen. Als ihr nach Jahren des Hoffens und Bangens sowie nach einem gescheiterten Fluchtversuch endlich die Erlaubnis dazu erteilt wurde, ging es 1973 in das Bundesnotaufnahmelager im Meisenbornweg. Am Samstag erinnerte sie sich eben dort an diese Zeit. »Ich habe nie geglaubt, dass die Mauer irgendwann fällt«, sagte die heute nahe Gießen lebende Kresov bei der Bürgerveranstaltung »30 Jahre Mauerfall« des Regierungspräsidiums, der Stadt und des Landkreises sowie der Justus-Liebig-Universität. Dass die Geschehnisse im November 1989 nach wie vor die Massen bewegen, offenbarte schon der schiere Andrang. Im randvollen Saal standen mehr Zuhörer als sitzen konnten.

Das Programm begann mit einer Podiumsdiskussion. In den bundesdeutschen Behörden habe selbst mitten im Wendeherbst kaum jemand mit einer Wiedervereinigung gerechnet, berichtete der ehemalige Gießener Regierungspräsident Dr. Alois Rhiel. Heinz Dörr, damals Leiter der Aufnahmestelle, hatte täglich mit geflüchteten DDR-Bürgern zu tun. Den Mauerfall sah er aber nicht voraus. Und HR-Moderator Jörg Bombach feierte am 30. September 1989 an der Lahn zwar die größte »HR3-Disco-Party« aller Zeiten, zu der Tausende »Übersiedler« kamen. Richtig fassen konnte die Entwicklungen dieser Monate jedoch auch er nicht.

Nachdem Ungarn im Sommer die Grenze zu Österreich geöffnet habe, seien stetig mehr Menschen aus der DDR geflüchtet, erzählte Rhiel. Sie und erst recht jene, die später etwa aus Prag nach Gießen kamen, seien »Mit-Wegbereiter des Mauerfalls« gewesen. Weil sie »Mut gemacht« hätten und »zeigten, dass es geht«. Dass der Betrieb im Meisenbornweg bei 23 000 Ankünften im November 1989 noch einigermaßen ging, sei vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfern zu verdanken gewesen, sagte Dörr. Das »Verständnis« der Ostdeutschen habe ein Übriges getan: »Mit Bundesbürgern hätten wir das gar nicht geschafft«, scherzte Dörr.

Alle Diskutanten schilderten aus heutiger Sicht absurde Szenen. Nächtliche Bustransporte freigekaufter Häftlinge gehörten dazu, verzweifelte Fluchtversuche über die »grüne Grenze« mit anschließendem Stasi-Verhör und Haftstrafen, Gespräche mit DDR-Bürgern, die von Westdeutschland aus spontan und ohne Geld nach New York fliegen wollten. Dem Irrsinn der Teilung stellten sie mögliche Lehren für heute gegenüber: die Kraft der Freiheit, der Demokratie und des Rechts, betonten alle vier. Den Nerv der Zuhörer traf indes keiner besser als Kresov. Sie wünsche sich, »dass die Leute mehr aufeinander zugehen«, plädierte die Zeitzeugin für ein stärkeres Wir-Gefühl im seit fast drei Jahrzehnten vereinten Deutschland.

Gerade Gießen symbolisiere ein »Klima der Weltoffenheit und Toleranz«, sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in ihrer Ansprache. Mit dem Aufnahmelager für Flüchtlinge beherberge die Stadt nämlich eine weit über die Grenzen (West-)Deutschlands hinaus bekannte Institution.

19 neue Schautafeln

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich lobte besonders die Leistungen der Mitarbeiter rund um das Jahr 2015. Auch während des damaligen Zustroms von Flüchtlingen, vor allem aus Syrien, habe »niemand im Freien übernachten« und »keiner Hunger leiden müssen«. An »einem geschichtsträchtigen Ort« mahnte er ferner zum Innehalten: »Frieden und Freiheit in Deutschland sind allzu selbstverständlich geworden.«

Nach der Diskussion konnten die Gäste eine Ausstellung besuchen. Vor zehn Jahren von Azubis der Stadt und des Landkreises konzipiert, wurden die 19 Schautafeln nun eigens aktualisiert. Zum Abschluss sprach die Historikerin Dr. Jeannette van Laak über »Gießen, Meisenbornweg. Ein Sehnsuchtsort«.

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