11. November 2019, 11:00 Uhr

Pogromnacht

Eine Wunde, die nicht schließt

Die Pogromnacht war der Punkt, an dem aus Ausgrenzung systematische Vernichtung wurde. Am Sonntag haben rund 150 Menschen vor der Kongresshalle der Toten gedacht.
11. November 2019, 11:00 Uhr
OB Dietlind Grabe-Bolz und Staatssekretär Dr. Manuel Lösel legen Kränze nieder. (Foto: chh)

Der Klang von zerbrechenden Glas hallt über den Platz der Kongresshalle. Kurz darauf sind Sirenen zu hören. Die Geräusche kommen aus einem Lautsprecher und sollen die Texte der Liebigschüler untermalen, die an diesem Sonntagvormittag an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnern. Genau so dürfte es an der Südanlage aber auch vor 81 Jahren geklungen haben. Die damals hier angesiedelte Synagoge stand in Flammen und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die Feuerwehr griff nicht ein - wie an so vielen Orten während der Novemberpogrome. Bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Juden haben neben den Schülern auch Vertreter der Kirchen, von Stadt und Land Hessen, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sowie der jüdischen Gemeinde in Gießen teilgenommen. Alle waren sich einig: Was damals in der Nacht auf den 10. November passiert ist, darf sich niemals wiederholen. Umso besorgter zeigten sich die Redner über die aktuellen antisemitische Entwicklungen.

Mahngang durch die Innenstadt

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sprach von knapp 60 antisemitischen Vorkommnissen, die in diesem Jahr in Deutschland registriert worden seien. »Jüdische Veranstaltungen werden gestört, Gedenksteine mit Hakenkreuzen beschmiert, Kippa-Träger auf der Straße beschimpft.« Gerade in solchen Zeiten sei es wichtiger denn je, die Stimme zu erheben, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion diskriminiert würden, forderte Grabe-Bolz: »Wer angesichts von Unrecht schweigt, billigt das Unrecht.«

Damals haben viele geschwiegen. Oder aber laut geklatscht, als jüdische Geschäfte geplündert und Menschen auf die Straße gezerrt wurden. Schülerinnen und Schüler der Liebigschule zeichneten mit ihren Texten ein erschreckendes Bild jener Tage im November 1938. Sie zeigten auch auf, dass der Hass auf Juden noch heute in vielen Köpfen verankert ist. Gerade im Internet könne man das sehen.

Der hessische Staatssekretär Dr. Manuel Lösel sprach mit Blick auf die Pogromnacht vom »Tiefpunkt der Menschlichkeit«. Umso erschreckender sei die Nachricht vom Anschlag auf die Synagoge in Halle gewesen. Lösel erzählte in diesem Zusammenhang von einem Treffen mit Vertretern der jüdischen Gemeinden in der Staatskanzlei. Eine Äußerung habe sich dabei fest in seinem Kopf eingebrannt. »Ein jüdischer Vertreter sagte: Wir haben die Tat erwartet.«

Pfarrer Cornelius Mann bezeichnete es als ein »Wunder«, dass heute wieder Juden in Deutschland leben. »Es ist ein Geschenk an unser Land und eine zweite Chance, es besser zu machen«, sagte der Vertreter der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Gemeinschaft. Gleichzeitig sei es eine »offene Wunde«, dass jede jüdische Veranstaltung von der Polizei geschützt werden müsse. »Es ist schlimm, wenn jüdisches Leben nur hinter Sicherheitsschleusen und immer höher werdenden Mauern stattfinden kann.«

Mahngang durch die Stadt

Nach geistlichen Worten des evangelischen Dekans André Witte-Karp und der katholischen Dekanatsreferentin Alexandra Haustein ergriff Dow Aviv das Wort. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gießen sprach von einer stetigen Zunahme von Rassismus und Antisemitismus. »Wir Juden sind tagtäglich bedroht.« Gleichzeitig bedankte sich Aviv bei den Gießenern für die vielen Anrufe und Briefe, die die Gemeinde nach dem Anschlag von Halle erhalten habe. »Diese Unterstützung gibt uns das Gefühl, willkommen und geborgen zu sein.«

Nachdem OB Grabe-Bolz, Stadtverordnetenvorsteher Frank Schmidt und Staatssekretär Lösel Kränze vor den Gedenkstein gelegt hatten, sprach Rabbiner Shimon Großberg ein Totengebet. Vor dem Rathaus hatten sich da schon 120 vorwiegend junge Leute für einen Mahngang versammelt. Eingeladen hatten unter anderem die Studentische Initiative gegen Antisemitismus und das Gießener Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus. Der Weg führte zu Stätten der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Dabei wurden alle Namen der Holocaust-Opfer aus Gießen verlesen. Randy Becker vom Veranstaltungsteam betonte: »Der Antisemitismus ist kein historisches Ereignis - er ist alltäglich.«

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