04. Dezember 2018, 22:02 Uhr

Eine »untypische« Spionin

Marthe Cohn erkundete kurz vor Kriegsende im Auftrag der französischen Armee Truppenbewegungen im Nazi-Deutschland. Dabei geriet sie immer wieder in Lebensgefahr. Die 98-Jährige erzählte nun Studenten ihre Geschichte – und beeindruckte ihre Zuhörer zutiefst.
04. Dezember 2018, 22:02 Uhr
Die Widerstandskämpferin und Ex-Spionin Marthe Cohn, die von ihrem Mann Major begleitet wurde, ist eine Jahrhundertzeugin – und eine beeindruckende Persönlichkeit.

Wie sich die Zeiten ändern. Dass sie Landkarten lesen und entschlüsseln kann, sei heute hilfreich, »um meinem Mann den Weg zu zeigen, wenn wir reisen«, scherzte die 98-jährige Marthe Cohn am Montagabend in der Alten Universitätsbibliothek. Vor fast 75 Jahren half dieselbe Fähigkeit der gebürtigen Französin zu überleben. Buchstäblich. Denn von Januar 1945 an spionierte Cohn einige Monate lang für den Geheimdienst der französischen Armee in Deutschland. Ihre schier unglaubliche Geschichte erzählte die beeindruckende Frau in Gießen auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU.

Begonnen hatte Cohns Weg mit einer Ablehnung. Teile ihrer jüdischen Familie, die an der Grenze zu Deutschland lebte, wurden nach Auschwitz deportiert, als die Nazis in Frankreich einmarschierten. Marthe flüchtete in den Süden – und beschloss dort Jahre später, sich dem Widerstand anzuschließen. Der wollte sie allerdings zunächst nicht haben. Kaum 1,50 Meter groß und zierlich, schien die junge Frau fürs Militär unbrauchbar. Dass sie schließlich zur Agentin im Dienste der Résistance wurde, habe an ihren guten Deutschkenntnissen gelegen, berichtete Cohn. Und wohl auch an ihrem Erscheinungsbild: »Ich war eine sehr untypische Spionin.«

Was sie »nach einigen Wochen Training« erlebte, getarnt als deutsche Krankenschwester, verfolgten die Zuhörer in der Alten UB mit atemloser Spannung. Eines Nachts habe sie bei Schaffhausen die streng bewachte deutsche Grenze überquert, berichtete Cohn. Ob sie nie Angst hatte, aufzufliegen? »Doch, natürlich. Aber ich hatte das Gefühl, es sei meine Pflicht, etwas für mein Land zu tun.« Diese Haltung sei vor allem aus dem Zusammenhalt im Vichy-Frankreich erwachsen. So hätten 75 Prozent der französischen Juden den Holocaust überlebt, weil sie von der Bevölkerung versteckt und nicht verraten worden seien.

Verstecken musste sich auch die Spionin immer wieder. Einige brenzlige Situationen galt es zu meistern, aber »Martha Ulrich«, wie sie jetzt hieß, kam stets irgendwie davon. Ihr Auftrag war es, Informationen über Truppenbewegungen in Süddeutschland zu sammeln. Drei große Erfolge dieser Arbeit nannte Cohn: Zu Jahresbeginn 1945 seien durch sie Details zu einer deutschen Gegenoffensive an der Westfront nach Frankreich gelangt. Wenig später habe sie Informationen über die Rückzugspläne der Deutschen weiter gegeben. Und schließlich hätten die Alliierten dank ihr von einem Hinterhalt der Nazis im Schwarzwald erfahren.

Agentin im Dienste der Résistance

Letzteres geschah zu einer Zeit, als der NS-Staat in Teilen bereits besetzt war. Das Angebot eines französischen Generals, angesichts des absehbaren Kriegsendes in die Heimat zurückzukehren, lehnte die Geheimagentin jedoch vorerst ab. »Meine Mission endet am Tag des Waffenstillstands«, habe sie gesagt.

Nach dem Krieg ging Cohn zurück. Seit 1958 lebt sie mit ihrem Mann Major, der sie am Montag nach Mittelhessen begleitete, in den USA. 1945 wurde sie für ihre Verdienste mit dem französischen Kriegskreuz ausgezeichnet, 2000 mit der französischen Militärmedaille. 2014 bekam sie das deutsche Bundesverdienstkreuz. Gerade die Ehrung durch die Bundesrepublik bedeute ihr viel, betonte die Jahrhundertzeugin. Oder, genauer, die Begründung dafür: Sie habe den Krieg verkürzt und damit zahllose Leben auf beiden Seiten gerettet.

Ihre Lebensgeschichte hat Cohn in dem Buch »Im Land des Feindes. Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland« aufgeschrieben. Eben dieses Werk sollte die Autorin in Gießen vorstellen. Tatsächlich beantwortete sie nach einer kurzen Filmsequenz ausschließlich die Fragen des Publikums – oft heiter in der Art, stets ernst in der Sache. Und wohin man nach 90 Minuten auch blickte: Überall hinterließ sie tief beeindruckte Zuhörer. (Foto: csk)

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