30. November 2018, 21:11 Uhr

Elfenbeinturm als »Mehrzweckhalle«

30. November 2018, 21:11 Uhr
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Von Christian Schneebeck
M. Hüther

Wissenschaft lebt von genauem Hinsehen, nicht vom ersten Eindruck. Da passte es gut, dass sich die Brisanz jener Botschaft, die Prof. Michael Hüther am Freitag in die Uni-Aula mitgebracht hatte, so recht erst auf den zweiten Blick offenbarte. Die Universität müsse eine »Institution für die Gesellschaft und in der Gesellschaft« sein, betonte der Ökonom im Festvortrag beim Akademischen Festakt der Justus-Liebig-Universität. Ähnlich hatte sich zuvor auch Prof. Joybrato Mukherjee geäußert, als er die Verantwortung der Universität für die »freiheitlich-demokratische Grundordnung« hervorhob.

Dieser sei die JLU im Jahr 2018 auf vielfältige Weise nachgekommen, erklärte der JLU-Präsident und nannte als Belege unter anderem die wissenschaftliche Begleitung des Friedensprozesses in Kolumbien sowie etliche Veranstaltungen zu politischen und sozialen Themen. Mit Blick auf die Forschung resümierte Mukherjee »ein ereignisreiches und erfolgreiches Jahr« mit vielen Auszeichnungen und Förderungen, darunter der Exzellenzcluster für Herz- und Lungenforschung und ein von der EU finanziertes Projekt in der Biochemie.

Parallel stiegen die Studierendenzahlen weiter, weshalb das Angebot der JLU in einem »Review-Prozess« fit gemacht werde für die 2020er Jahre, sagte er. Eine Strategie unter dem Titel »The Liebig Concept – leading science, serving society« beschreibe, wie die Hochschule ihre Spitzenforschung ausbauen könne, um »mit der ebenso erfolgreichen Entwicklung anderer Universitäten« Schritt zu halten. Dabei gelte es, parallel zur wissenschaftlichen Profilierung auch der »Gesamtverantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Prosperität in der Stadt und der Region« gerecht zu werden.

Genau diese Wechselbeziehung zwischen Universität und Gesellschaft ergründete Hüther. In seinem Festvortrag »Überdruss an der Wissenschaft?!« verortete der JLU-Alumnus und Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft die Hochschulen im Spannungsfeld von Moralisierung und Ökonomisierung. Die »Moralisierung der Wissenschaft« führe schnell zu einer »Gängelung der Wissenschaftsfreiheit« und verenge den »Raum für freie, spontane Rede«, sagte er. Parallel gerieten Universitäten durch die Ökonomisierung unter Druck.

Sie resultiere daraus, dass sich akademische Abschlüsse zum »Standard« entwickelt hätten – und Unis von »einem exklusiven Minderheitsreservat zu einem inklusiven Mehrheitsversprechen«. Das schaffe »Akademisierungsverlierer« und diskreditiere »andere Wege«. Um diesen Trend zu stoppen, müssten Hochschulen »ihre Rolle in der Gesellschaft breiter verstehen, die Verzahnung mit beruflicher Bildung sowie unternehmerischer Existenz unverkrampfter und innovativer suchen, die Zugänglichkeit für Quereinsteiger verbessern und Angebote für jene machen, die zunächst außen vor stehen«. Dass »Universitäten zu einer Art akademischer Mehrzweckhalle geworden« seien, wie Mukherjee den Vortrag kommentierte, ließe sich so als Abwertung der Hochschulbildung verstehen – oder als Aufgabe, gesellschaftliche Vielfalt besser abzubilden.

Im Mittelpunkt des Festakts standen diverse Preisverleihungen. Dr. Lars von der Wense erhielt den Röntgen-Preis für seine Forschungen zur Kernphysik, Dr. Annaliese Sarah Mason wurde für ihre Arbeit über die Hybridisierung von Nutzpflanzen mit dem Preis der JLU geehrt. Acht Nachwuchswissenschaftler erhielten Dissertationsauszeichnungen, drei den Dr.-Herbert-Stolzenberg-Preis, zwei den Dr. Dieter und Sigrun Neukirch-Preis und einer einen Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. (Bericht folgt)



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