03. November 2018, 14:00 Uhr

Stadt Gießen

Elsbeth Sommerlad: Zum letzten Mal an der Kasse

Als Elsbeth Sommerlad kürzlich die Liste der langjährigen Mitarbeiter las, stand da auch ihr Name: 60 Jahre war sie im Unternehmen. Zeit zu gehen, befand die 83-Jährige. Wir haben mit ihr gesprochen.
03. November 2018, 14:00 Uhr
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Von Christine Steines , 1 Kommentar
Elsbeth Sommerlad zieht sich mit 83 Jahren aus dem Geschäft zurück. (Foto: Schepp)

Immer ich. Die junge Elsbeth war ein wohlerzogenes Mädchen, deshalb murrte sie nur innerlich ein bisschen. Sie kam der mütterlichen Anweisung unverzüglich nach, sich um jenen einsamen Gast zu kümmern, der auf der Tanzveranstaltung niemanden kannte. »Was für ein Glück«, sagt die 83-Jährige heute und schmunzelt. Denn so lernte sie im Dezember 1953 ihren späteren Mann Rudi kennen. Immer ich! – Über diese »Beschwerde« wird in der Familie noch heute gerne gelacht.

Elsbeth und Rudolf Sommerlad machten in den 60er Jahren aus dem kleinen Möbelgeschäft in der Bahnhofstraße ein großes Unternehmen. Ihr Lebensprojekt war der Ausbau zur starken, modernen »Möbelstadt Sommerlad«. Ein noch wichtigeres Lebensprojekt war für das Paar die Familie; die vom Krieg geprägten jungen Gießener wünschten sich ein geborgenes Nest. Die drei Kinder standen immer im Mittelpunkt. »Ich wollte nie, dass sie so nebenher mitlaufen«, erklärt die alte Dame.

 

Zunächst Sekretärin ihres Mannes

Frank Sommerlad übernahm nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1998 die Geschäftsführung, Tochter Betina ist als Innenarchitektin ebenfalls mit im Boot. Isabell, die jüngste Tochter, lebt in Ingolstadt. Vor 20 Jahren zog die »Möbelstadt Sommerlad«, die zwischenzeitlich an mehreren Standorten 600 Mitarbeiter hatte, aus der Innenstadt ins Schiffenberger Tal.

Ihre Tätigkeit in der Firma der Schwiegereltern – Rudolf senior und Emma – hat Elsbeth Sommerlad 1958 begonnen. Zunächst in der kaufmännischen Abteilung und als Sekretärin ihres Mannes. Die jungen Leute, die 1960 heirateten, hatten es nicht immer leicht, erinnert sie sich: Die alte Unternehmer- und Mitarbeitergeneration hatte andere Vorstellungen als die Nachfolger – wie so oft. Die Juniorchefs schauten sich in Deutschland um, lernten hinzu und brachten innovative Ideen mit nach Gießen.

Ich sehe harmlos aus, aber man sollte mich nicht unterschätzen

Elsbeth Sommerlad

Sommerlads erkannten früh, dass mit dem sogenannten Boutique-Bereich ein neues Geschäftsfeld erschlossen werden konnte. Vasen, Bettwaren, Leuchten und Geschirr wurde in der Ausstellung nicht nur dekoriert, sondern man konnte diese Artikel auch kaufen. »Heute selbstverständlich, damals revolutionär und im Einzelhandel nicht gerade gerne gesehen«, erinnert sich die Seniorchefin.

Elsbeth kümmerte sich schwerpunktmäßig um den Produkteinkauf und war viel auf Messen unterwegs, zugleich war sie mit großer Leidenschaft im Verkauf tätig. Der Kundenkontakt liegt ihr: Fröhlich, freundlich, unkompliziert. Hier ein Schwätzchen, da eine Idee, hier ein Tipp. »Der Kunde ist König«, diese alte Weisheit hat sie Generationen von Verkäufern nahe gebracht: »Jeder wird zuvorkommend und höflich behandelt, ganz egal, wie er sich selbst benimmt.« Immer ruhig bleiben, auch unangebrachte Kritik annehmen – das ist nicht immer leicht, weiß sie. Zu ihren Mitarbeiterinnen hat die Seniorchefin immer einen guten Draht gehabt. Sie ist keine, die andere von oben herab behandelt. Aber Respekt ist ihr wichtig. Und wenn sie etwas will, dann setzt sie das auch durch. »Ich sehe harmlos aus, aber man sollte mich nicht unterschätzen«, sagt sie und lacht.

Eiche rustikal fand ich immer furchtbar - aber die Leute wollten das

Elsbeth Sommerlad

Das Verhalten der Kunden habe sich im Laufe der Zeit verändert. Es gebe heute mehr Aggressivität und mehr Neigung zur Konfrontation. Aber nicht nur das Kunden-, sondern auch das Kaufverhalten hat sich gewandelt. Früher kaufte man Möbel fürs Leben. Nach der Heirat wurde der Hausstand gegründet und die Wohnung eingerichtet – oftmals für immer. Nicht alles, was man bei Sommerlad kaufen konnte, gefiel der Chefin. »Ganz schrecklich fand ich schon immer Schrankwände vom Typ Eiche rustikal«. Diese hölzernen Monster erfreuten sich aber großer Beliebtheit und verkauften sich hervorragend, sie waren ein Symbol des bürgerlichen Wohlstands. Sie selbst hat immer eine Kombination aus Stilmöbeln und modernen Elementen bevorzugt. Hell und licht muss es bei ihr sein. »Ich hasse Türen und Jalousien«, sagt sie. Was daran liegen könnte, dass Sommerlads lange in der Familienwohnung in der Bahnhofstraße gewohnt haben. »Beengt, aber sehr praktisch, denn wir waren nach ein paar Schritten im Geschäft«.

Als junge Frau hat Elsbeth Handball gespielt, später ist sie mit ihrem Mann viel gesegelt, meist am Edersee, wo die Familie ein Ferienhaus besitzt. Auch Ski fahren und surfen gehörte zu den Leidenschaften, heute beschränkt sie sich aufs Golf spielen. An den Sport hat sie auch die drei Enkel Jan, Dominik und Paul herangeführt. »Ich habe sie immer zu den Kursen begleitet und auf sie aufgepasst«, berichtet die stolze Großmutter.

Zum Abschied haben Familie und Mitarbeiter ein Fest für die Seniorchefin organisiert, die Damen vom »Kassenkomitee« haben sogar in einem Tonstudio eigens ein Lied aufgenommen. Das gemeinsame Feiern hat bei der Firma Sommerlad eine lange Tradition. So ist es sehr wahrscheinlich, dass Elsbeth es sich auch in Zukunft nicht nehmen lassen wird, bei Ausflügen für ein ordentliches Frühstück zu sorgen.. »Immer ich«, fällt ihr vielleicht dabei ein - und sicher denkt sie dabei an jenen Dezemberabend im Jahr 1953 zurück.

Info

Das Möbelhaus Sommerlad

1930 gründete Rudolf Sommerlad sen., der Großvater des heutigen Geschäftsführers Frank Sommerlad, in Beuern im »Holländischen Hof« das Unternehmen. Die Möbel wurden selbst hergestellt und verkauft. Das Unternehmen expandierte mit dem Kauf zweier Anwesen in der Bahnhofstraße und im Flutgraben. Am heutigen Standort in der Pistorstraße gibt es 33 500 m² Verkaufsfläche, plus 30 000 m² Hochregallager auf siebenen Ebenen.

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