28. August 2019, 22:17 Uhr

Erdrückende Indizien: Acht Jahre Gefängnis

28. August 2019, 22:17 Uhr
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Von Harold Sekatsch

Acht Jahre sind eine lange Zeit. Und im Gefängnis ohnehin. Innerhalb dieses Zeitraums hat ein junger Marokkaner Gelegenheit, über seine Taten, begangen am 29. Juli 2018, nachzudenken. Die zweite große Strafkammer des Landgerichts Gießen unter Vorsitz von Jost Holtzmann sah es als erwiesen an, dass der Mann an jenem Tag in den frühen Morgenstunden in die Wohnung einer Familie in der Gießener Bahnhofstraße eingestiegen war. Dabei hatte er einer damals 17-Jährigen eine Kette vom Hals gerissen, Geld in Höhe von 2,50 Euro an sich genommen, die junge Frau an den Haaren durch die Wohnung geschleift und den Ellenbogen gegen ihren Hals gedrückt, sodass sie in Luftnot geriet. Anschließend hatte sich der Mann in der Küche ein scharfes Messer gegriffen und im Schlafzimmer der Eltern viermal auf die Mutter eingestochen. Danach flüchtete er wieder durch das Fenster, bei der Verfolgung des Täters zog sich einer der beiden Frauen einen Bruch des Fersenbeins zu.

Die Kammer hatte keine Zweifel an der Schuld des Angeklagten, genau so wenig Oberstaatsanwalt Frank Späth, der in seinem Plädoyer sogar neun Jahre Haft gefordert hatte. Frank Späth bezeichnete es als Horrorszenario, was die Gießener Frauen in jener Nacht durchmachen mussten. Rechtsanwalt Thorsten Marowsky, Verteidiger des Angeklagten, stellte den Antrag auf Freispruch, weil er seinen Mandanten keinesfalls überführt sah. Er hatte keinen Zweifel an der Tat, aber an der Täterschaft seines Klienten, der eine Tatbeteiligung bestritten hatte. Völlig aus der Luft gegriffen waren die Forderungen des Verteidigers nicht, denn der Marokkaner wurde in einem Indizienprozess überführt.

Allerdings waren die Indizien erdrückend. So machte Jost Holtzmann auch deutlich, dass das Gericht in einem Indizienprozess ein hohes Maß an Überzeugung besitzen muss, um sich zu einer Verurteilung durchzuringen, und diese Voraussetzung sah der Vorsitzende Richter hier als gegeben an. Hilfreich war, dass eine aufmerksame Polizistin drei Tage nach der Tat praktisch einen wichtigen Mosaikstein gefunden hatte. Eine in Tatortnähe sichergestellte, halbvolle Bierflasche enthielt DNA-Spuren, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dem Angeklagten zuzuordnen sind. Außerdem wurden weitere Spuren des Angeklagten unter den Fingernägeln der jungen Geschädigten gefunden. Andere Zeugen hatten den Mann außerdem in Tatortnähe gesehen, eine der Zeuginnen hatte ihn identifiziert.

Bevor die Plädoyers gehalten werden konnten, waren noch wichtige Dinge zu klären. So wurde ein Altersgutachten erstellt, weil der Angeklagte nicht nur mit einer Reihe von Aliasnamen durch Europa gezogen war, sondern auch immer wieder andere Geburtsdaten angegeben hatte, möglicherweise, um bei einer Verurteilung als Jugendlicher eine geringere Strafe zu erhalten. Das konnte er sich aber abschminken. Mindestens 26,3 Jahre alt, wurde festgestellt. Während der Marokkaner nun acht Jahre in Haft muss, müssen seine Opfer mit dem körperlichen, vor allem aber seelischen Leid fertig werden, das der Täter ihnen angetan hat.



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