16. März 2014, 18:58 Uhr

Erst Tee, dann Krieg: »Bürgerwehr« im Stadttheater

Thomas Goritzkis Inszenierung der Ayckbourn-Komödie »Bürgerwehr« sorgt im Stadttheater für einen höchst unterhaltsamen Abend. Doch eigentlich geht es um ein sehr ernstes Thema: Die verquere Paranoia der sogenannten Mittelschicht.
16. März 2014, 18:58 Uhr
Kaum ist das Haupt des Gartenzwergs abgebrochen, verlieren auch sie den Kopf: die Mitglieder der Bürgerwehr um Martin (Milan Pesl, vorne) und Rod (Harald Pfeiffer). (Foto: Wegst)

Martin Massie ist ein Freak. Obwohl längst jenseits der Vierzig, lebt er noch mit seiner altjüngferlichen Schwester Hilda unter einem Dach. Und er hat sich sogar einen Kosenamen für seinen geliebten Gartenzwerg ausgedacht. Monty heißt das putzige Kerlchen im neu bezogenen Vorgarten des Wohnviertels »Bluebell Hill«. Als eines Tages Monty von einem Unbekannten zerstört wird, steht für Martin fest: »Das bedeutet Krieg!« Mit der von ihm gegründeten Bürgerwehr zieht er gegen die vermeintlichen Übeltäter in der benachbarten Sozialsiedlung zu Felde. Was als scheinbar harmlose Form der Selbstjustiz daherkommt, entwickelt sich zum
Armageddon. Die in ihrer grenzenlosen Paranoia völlig entfesselt agierenden Spießer bringen Tod und Verwüstung – und das auch in den eigenen Reihen.

Alan Ayckbourn hat die schwarze Komödie 2011 kurz vor Ausbruch der sozialen Unruhen in Großbritannien geschrieben. Doch das, was der Meister der Satire in seinem immerhin 75. Stück beschreibt, könnte auch an vielen anderen Orten der Welt spielen – überall dort, wo Arm auf Reich, Schwarz auf Weiß trifft. Die Typen, die da bei einer Tasse Tee beisammensitzen und den Nachbarschaftskrieg auslösen, die kennt wohl jeder: den verschrobenen Strickjackenträger Martin, die manipulative Hilda, den Versager Gareth, die eingeschüchterte Magda, den kampferprobten Rod oder die resolute Dorothy. Sie trinken Tee und wollen doch nicht abwarten, sondern schüren ihre Ängste vor der ach so großen Bedrohung ihrer Vorstadtidylle durch die »Asozialen« in der benachbarten Siedlung. Doch die angeblichen Bedroher selbst sieht man nicht. Vielmehr werden die vermeintlichen Opfer selbst zu Tätern und schicken einen Schlägertrupp los. Und auch die Bewohner der »Bluebell Hill«-Community müssen sich selbst strengsten Regeln beugen. Wer nicht spurt, kommt an den Pranger.

Thomas Goritzki inszeniert »Bürgerwehr«, wenige Wochen nach der deutschen Erstaufführung in Münster, mit eindeutigem Vergnügen an Ayckbourns schwarzem Humor und Sinn für die Ernsthaftigkeit hinter all dem Klamauk. Die große Bühne wäre für dieses wortbetonte Kammerspiel mit Boulevard-Anklängen aber nicht zwingend nötig gewesen. »Bürgerwehr« hätte man durchaus auch auf der kleinen Studiobühne spielen können. Auch dank des rasanten Tempos der Inszenierung fühlt sich das Publikum über die nahezu zweieinhalb Stunden der Aufführung dennoch gut unterhalten. Die eigens von Volker Seidler geschriebene Hintergrundmusik, mit Anklängen an Frank Sinatras Hit »Love and marriage«, trägt das Ihre dazu bei.

Die Bühne hat Heiko Mönnich entworfen. Sie lässt die Bürgerwehrler inmitten einer großen Kunstrasenfläche auf einer Art Podest agieren. Rundherum symbolisieren drehbare weiße Paneele den Zaun, den Martin und Hilda um ihr Grundstück errichtet haben, und so manches mal senkt sich ein Lamellenvorhang herab, um Bruder und Schwester in jenem Käfig zu zeigen, in den sie sich in ihrer Paranoia selbst gesperrt haben. Nur das ständige Neuarrangieren der blutroten Elemente des an »Wetten dass...?«-Sendungen erinnernden riesigen Sofas sorgt für Bewegung.

An der Spitze der illustren Typenparade stehen die Geschwister Massie. Milan Pešl spielt Martin als nicht wirklich Erwachsenen, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Als sein geliebter Gartenzwerg den Kopf verliert, jault er wie ein Knabe im Sandkasten, dem man das Spielzeug geklaut hat. Und als ihn die attraktive und unkonventionelle Amy (gefällt mit Bühnenpräsenz: Gast Simone Kabst) umgarnt, bekommt er erste Zweifel an der Rigorosität, die er zuvor noch wie ein Feldwebel von seinen Mitstreitern (und dem Publikum) gefordert hat. Standfester ist seine Schwester Hilda. Carolin Weber präsentiert diesen weiblichen Machiavelli im trutschigen Damenkostüm mit beängstigender Bigotterie. Unter der scheinbar biederen Oberfläche dieser Figur lauert die pure Boshaftigkeit, angedeutet nur in kleinen Gesten und dadurch umso erschreckender.

Wäre Vincenz Türpes cholerischer Luther Bradley nicht so ein geldgieriger Unsympath und würde er nicht seine Frau schlagen, könnte man ihn richtig gut finden. Denn nur er durchschaut wirklich, in welchen fatalen Strudel die ursprünglich mit guten Absichten gegründete Bürgerwehr driftet. Mirjam Sommer hat als geprügelte Musiklehrerin Magda, die mit hochgezogenen Schultern und verhuschtem Blick von ihrem häuslichen Martyrium erzählt, ihren großen Auftritt. Harald Pfeiffer als gewalterprobter Ex-Wachmann Rod und Petra Soltau als eine Art »Karla Kolumna im Rentenalter« liefern gewohnt solides Spiel ab; Rainer Hustedt heult sich als von Amy gehörnter Gareth, der durchaus ein Faible für mittelalterliche Folterwerkzeuge hat, durch die Szenen.

An diversen Stellen in der Stadt weisen dieser Tage kleine grellbunte Gartenzwerge mit Parolen wie »Sauberkeit ist erste Bürgerpflicht« auf die neue Schauspielproduktion »Bürgerwehr« im Stadttheater hin. Das sollte man ernst nehmen, denn anschauen lohnt sich. Weitere Vorstellungen sind am 22. März, 5., 13. und 25. April, 15. Juni, 5. und 10. Juli jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus. Karola Schepp

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