09. November 2018, 10:00 Uhr

»Es lebe die deutsche Republik«

Heute vor 100 Jahren hat Philipp Scheidemann mit einer Rede vom Balkon des Reichstags ein Stück Weltgeschichte geschrieben. Sein Handwerkszeug als Publizist und Politiker erlernt Scheidemann in Gießen, wo er gegen den stark verbreiteten Judenhass ankämpft.
09. November 2018, 10:00 Uhr
November 1918: Philipp Scheidemann steht an einem Fenster der Reichskanzlei in Berlin und hält eine Rede, Tage zuvor hatte er die Republik ausgerufen. Scheidemann wirkte fünf Jahre lang in Gießen – als Zeitungmann, Schriftsteller und Antisemitist. (Foto: dpa)

Am revolutionären 9. November 1918 rufen etliche Redner in Berlin die Republik aus. Einer von ihnen ist Philipp Scheidemann. Zweifellos ist er mitverantwortlich für die fortschrittliche Weimarer Verfassung. Und er ist der profilierteste Kopf unter den Rednern. Was weniger bekannt ist: Scheidemann wirkte zwischen 1895 und 1900 auch in Gießen als Zeitungsmann, Schriftsteller, Politiker und SPD-Wahlkämpfer gegen den damals in Oberhessen schon grassierenden Antisemitismus. Obwohl in Wieseck eine Straße nach ihm benannt ist, hat er es bislang aber nicht zu einem »Gießener Kopf« gebracht.

Scheidemann gehört zusammen mit dem Parteirechten Dr. Eduard David aus Krofdorf und Samuel Katzenstein zu den Redakteuren, die die 1893 gegründete »Mitteldeutsche Sonntagszeitung« als Wochenblatt bekannt machten, das dann »einen relativ großen Leserkreis hatte«. Die Zeitung rivalisierte mit dem auflagenstärkeren »Gießener Anzeiger«, der oft als »Reptilchen« verspottet wurde. Scheidemann, ursprünglich Drucker, wirkt zugleich als Redakteur, Expedient, Arbeiter- und Parteisekretär, Inseratensammler und Einkassierer.

Scheidemann wohnt in der Kirchstraße 11 in Wieseck. Er ist in Wahlkämpfen, vor allem gegen die »Antisemitischen Schimpfapostel« und gegen den »Neuen Germanischen Volksbund« ständig im Einsatz. Der spätere »Cicero« des Reichstages spricht zu den verschiedensten Themen: In einer Generalversammlung der SPD in Gießen 1899 über »die Rechtsprechung unter dem neuesten Kurs«, im Orbigschen Lokal in einer Festrede bei der Gedächtnisfeier für die Märzgefallenen von 1848, in einer sehr gut besuchten Versammlung zu »Miliz oder stehendes Heer«, über »Bernsteins Kritik« oder in Trohe über die Bedeutung des 1. Mai. Er ist mit Flugblättern im Kreis Gießen von Ort zu Ort unterwegs und hält in den fünf Jahren in Oberhessen Hunderte von Wahlversammlungen ab. 1896 scheitert er jedoch bei den Reichstagswahlen in Gießen.

 

Prügeleien mit zerrissenen Hemden

 

In seinen Memoiren erzählt Scheidemann anschaulich von allerlei Vorkommnissen, von Beleidigungsprozessen oder wie es bei politischen Auseinandersetzungen bis zu Prügeleien mit zerrissenen Hemdkragen kam. Er schrieb später gelegentlich auch in der »Oberhessischen Volkszeitung«, dem dann täglich erscheinenden SPD-Nachfolgeblatt der Sonntagszeitung. In Gießen kommt er unter anderem mit Wilhelm und Karl Liebknecht in Kontakt. Wohl auch, weil es ihm und seiner Familie hier nicht so gut geht, folgt er 1900 einem Ruf nach Nürnberg.

Seine politischen Vita ist bekannt: 1903 gelingt ihm im Wahlkreis Solingen der Einzug in den Reichstag, dem er bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 angehört. Er schließt sich August Bebel an und wird im Februar 1912 Reichstagsvizepräsident.

Scheidemann ist 1912/13 maßgeblich an den Versuchen sozialistischer Parteien beteiligt, einen europäischen Krieg zu verhindern. Am 30. März 1912 findet in Paris eine Kundgebung mit 6000 Menschen statt, »belebt von echter Freundschaft und Brüderlichkeit«, bei der er von Jean Jaurès auf dem Podium stürmisch umarmt wird, dem französischen Sozialistenführer, der dann Anfang des Krieges ermordet wird.

Bei der Abstimmung über die Bewilligung der Kriegskredite am 4. August 1914 ordnet sich Scheidemann jedoch der Fraktionsdisziplin unter und stimmt wie alle anderen dafür – die Sozialdemokraten wollen nicht weiter als »vaterlandslose Gesellen« gebrandmarkt werden. In der Massenstreikdebatte grenzt er sich von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ab. Gegen die bürgerlichen Parteien und die verbohrten Altdeutschen verurteilt er deren Votum für einen erweiterten »U-Boot-Krieg«, da er weiß, dass dies zum Kriegseintritt der USA führen muss. Seine Vorschläge zu Verhandlungen werden vom nationalkonservativen Mainstream geschmäht.

Als Scheidemann vor 100 Jahren vom Westbalkon des Reichstags die Republik ausruft, endet er mit den Worten: »Das Alte, das Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik.« Sein Parteifreund Ebert, ein »Vernunftmonarchist«, sitzt grummelnd im Hintergrund und macht ihm heftige Vorwürfe. Doch Scheidemann hat das Richtige getan. Am 12. November bringen die sechs Volksbeauftragten, darunter Scheidemann, eine Verordnung heraus, durch die der »Belagerungszustand« und die Zensur aufgehoben und die Meinungsfreiheit in »Wort und Schrift« sowie die Religionsfreiheit garantiert werden. Das gleiche Wahlrecht einschließlich des neuen Frauenwahlrechts wird eingeführt. Damit sind die Deutschen anderen Nationen voraus.

 

Mit Blausäure attackiert

 

Nachdem Scheidemann seine Zustimmung zur Unterzeichnung des demütigenden Versailler Vertrags verweigert hat, tritt er am 22. Juni 1919 als Reichsministerpräsident und im Dezember auch vom Parteivorsitz der SPD zurück. Von 1920 bis 1925 amtiert er als Oberbürgermeister in Kassel und wird dort Pfingsten 1922 von zwei Rechtsradikalen mit Blausäure attackiert. Walter Rathenau, der ihm als Erster zu seinem Überleben gratuliert, wird wenige Monate später von Rechtsradikalen ermordet.

In den letzten Jahren der Weimarer Republik ist Scheidemann sehr aktiv beim Kampf gegen die Nazis. Anfang März 1933, nachdem Hitler an der Macht ist, flieht er aus Deutschland. Er stirbt Ende 1939 in Kopenhagen, ehe Dänemark und Norwegen 1940 von der Nazi-Wehrmacht besetzt werden.

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