10. April 2018, 21:41 Uhr

»Es passt perfekt«

10. April 2018, 21:41 Uhr
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Von Eva Diehl
Die ökologische Forschung lockt Keiko Sasaki aus einer japanischen Hafenstadt ins mittelhessische Lahntal. (Foto: Schepp)

Gießen (edg). »Gießen ist hässlich, findest du nicht?« Das wird Keiko Sasaki oft gefragt. Zur Überraschung ihres Gegenübers schüttelt die Japanerin dann den Kopf und sagt: »Es ist zwar nicht so schön wie Marburg, aber ich war vorher in Bielefeld und bin daher nicht enttäuscht von Gießen.«

Genau zweimal war die 30-Jährige in Deutschland, bevor sie 2012 in der Hafenstadt Yokohama nahe Tokio ihre Koffer packt, um tausende Kilometer entfernt ein neues Zuhause zu finden. Seitdem forscht sie am Institut für Tierökologie der Justus-Liebig-Universität Gießen über biologische Vielfalt in Kulturlandschaften.

Erst Seattle, dann Gießen

Gießen steht bei Sasaki, wie bei vielen Zugezogenen, zunächst nicht auf der Agenda. Und doch sagt sie heute: »Es passt perfekt. Alles, was ich zuvor gemacht habe, führte mich hier her.«

Nahe ihrer Heimatstadt studiert sie Umweltwissenschaften und lernt Deutsch. Ein japanischer Wissenschaftler hat einen Kontakt nach Gießen, wo eine junge Forscherin für ein deutsch-japanisches Umweltprojekt gesucht wird. Ein Volltreffer.

Drei Monate später zieht sie nach Deutschland. »Ich war super aufgeregt«, erinnert sie sich als sie zwischen Ranken und Palmen im Wintergarten des Interdisziplinären Forschungszentrums sitzt. Nicht nur der neue Job, die neue Stadt, sondern auch die erste eigene Wohnung erwartet sie in Gießen. Ihre Familie sieht sie von nun an nur einmal im Jahr.

Im Studentenwohnheim im Unterhof sowie beim Sport findet sie schnell Freunde. »Das hat mir sehr geholfen. So hatte ich nicht das Gefühl allein zu sein«, sagt sie. Wohngemeinschaften in dieser Form gebe es in Japan nicht. Heimweh verspüre sie kaum. Auch dank eines Kollegen, der einige Jahre in Japan gelebt habe und sie regelmäßig zu seiner Familie einlade. Lediglich das japanische Esse vermisse sie gelegentlich.

Gießen nennt sie mittlerweile ihre Heimat. Im Bergwerkswald geht sie gern spazieren oder joggen und besucht die Dörfer im Kreis. Deutsche Hausmannskost von Bier über Mett bis zur Schweinshaxe stehen auf ihrem Speiseplan.

Die erste Auslandsstation der Japanerin war hingegen weniger einfach. Mit ihrer ganzen Familie zieht sie als 13-Jährige in die Vereinigten Staaten. Sie besucht die High School in Seattle, während ihr Vater auf einem Schiff in Alaska als Fischer arbeitet. »Es war sehr schwer sich zu integrieren – auch wegen der Sprache«, sagt sie heute in perfektem Englisch mit leicht amerikanischem Akzent.

Vollends in die US-Kultur taucht sie schließlich durch den Sport ein. Auf Paraden, bei Footballspielen und Wettkämpfen schwingt sie mit ihrer Gruppe Flaggen nach einer einstudierten Choreografie. Bei dieser typisch amerikanischen Sportart helfen ihr die Fähigkeiten im Kendo, einer asiatischen Kampfkunst mit Stock.

Im Gießener Stadtleben ist die Japanerin nun vollends angekommen. Seit kurzem wohnt sie nicht mehr im Studentenwohnheim, sondern in einer WG im Südviertel. Ob Gießen ihre Heimat bleiben wird? »Im nächsten Jahr möchte ich erst einmal meine Doktorarbeit abschließen«, sagt sie. »Und danach schauen, wie es weitergeht.«



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