23. August 2019, 21:53 Uhr

Fördern »Mahnwachen« Abtreibung?

23. August 2019, 21:53 Uhr
Von der Bonifatius- und der Albertuskirche aus sind im Frühjahr mehrmals Gruppen vor Kristina Hänels Praxis gezogen, um dort zu beten. (Archivfoto: Schepp)

Immer wieder entschieden sich schwangere Frauen in letzter Minute doch noch für das Kind. Das gelinge gerade dann, wenn sie »echte Entscheidungsfreiheit« empfänden. »Spießrutenlaufen« durch sogenannte Abtreibungsgegner könnten Schwangerschaftsabbrüche letztlich geradezu begünstigen. So schildert die Gießener Ärztin Kristina Hänel ihre Erfahrungen. Sie begrüßt - wie berichtet - den Erlass, mit dem die hessische Landesregierung »Schutzzonen« vor Praxen und Beratungsstellen ermöglichen will, als »ersten Schritt«.

Der Impuls für den überraschenden Zug von Schwarz-Grün kam unter anderem aus Gießen. Die Stadtverordnetenversammlung hatte im Februar einstimmig beschlossen, die Möglichkeit einer 150-Meter-»Bannmeile« zu prüfen. Für eine entsprechende Rechtsgrundlage müsse das Land sorgen, hieß es. Zur neuen Entwicklung will sich die Stadt nun noch nicht äußern. Der Erlass liege im Rathaus nicht vor, erklärt Magistratssprecherin Claudia Boje auf Anfrage.

Schon bisher konnte die Stadt Gießen bei »Mahnwachen« Auflagen erteilen und tut das auch. Die Demonstranten müssen auf der gegenüberliegenden Straßenseite bleiben und dürfen niemanden bedrängen.

Weitgehend unbemerkt tritt seit Jahren ein Grüppchen vor Hänels Praxis an der Neuen Bäue und der Pro-Familia-Beratungsstelle in der Liebigstraße auf. Treffpunkt ist die katholische Albertuskirche, wo jeden Monat Gebete gegen Abtreibung stattfinden. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Ableger der internationalen Organisation »Helfer für Gottes kostbare Kinder«, der unter anderem auf »Gehsteigberatung« Schwangerer setzt.

»Echte Entscheidungsfreiheit« hilft

Mehr Aufsehen erregten Anfang dieses Jahres Demonstranten, die nach GAZ-Informationen größtenteils aus Frankfurt kamen und mindestens fünfmal in Gießen waren. Sie zogen von der Bonifatiuskirche aus mit Babybildern und Kreuzen betend durch die Stadt. An einem Tag gesellten sich 30 inoffizielle Gegendemonstranten zu ihnen. Hänel berichtete in der ARD-Sendung »Anne Will«, eine ihrer Patientinnen habe angesichts einer solchen Demonstration einen Kreislaufzusammenbruch erlitten.

In ihrer schriftlichen Stellungnahme für die Landtagsanhörung zu »Schutzzonen« erklärt die Ärztin aus über 30-jähriger Berufserfahrung, warum solche »Mahnwachen« ihrer Meinung nach keineswegs »Babys retten«, eher im Gegenteil. Die meisten ihrer Patientinnen lehnten Abtreibung »persönlich und moralisch« ab. Gerade deshalb fühlten sich durch das »Spießrutenlaufen« und die Angst, erkannt zu werden, unter Druck gesetzt. Eine Patientin habe gesagt, dass sie womöglich vor einigen Wochen selbst bei den Demonstrierenden gestanden hätte, aber jetzt keine andere Möglichkeit für sich sehe als einen Abbruch.

Von Frauen, die ihr Kind nach Zweifeln doch bekommen haben, höre sie später immer wieder, »wie wichtig es war, dass sie in unserer Praxis mit ihrem Anliegen ernst genommen wurden und ihnen eine echte Entscheidungsfreiheit eingeräumt worden ist, die sie zuvor beim Wettlauf mit der Zeit und im mühsamen Versuch, die benötigten Unterlagen oft gegen Widerstände zusammenzubringen, vermisst haben«. Wissenschaftliche Studien bestätigten diese Tendenz.

Bei der Anhörung zu einem Linke-Gesetzentwurf verspürte Hänel viel Rückenwind für ihre Kampagne gegen den Paragrafen 219a (»Werbung für Abtreibung«). Gegner haben sich bisher nur vereinzelt der öffentlichen Debatte gestellt. In Wiesbaden verteidigte Johannes von Eltz, katholischer Stadtdekan in Frankfurt, das »labile Gleichgewicht« der derzeitigen Rechtslage, deren Widersprüchlichkeit er so beschrieb: »Die Rechtsordnung muss eigentlich das wehrlose Kind schützen, grundsätzlich auch gegen die Mutter, die das Kind nicht will, und kann es doch nicht, weil der Schutz gegen die Mutter nicht geht, und muss deshalb konzedieren, dass es konfliktive Situationen gibt, in denen es der Mutter nicht zuzumuten ist, das zu tun, was recht ist und ihre Pflicht wäre.«

Die Missbilligung über das »Tötungsdelikt« dürfe »in ziviler Form auch öffentlich zum Ausdruck kommen«, so von Eltz. Gleichwohl distanzierte er sich von »unerleuchteten und selbstgerechten Betreibern einer ›Mahnwache‹« und äußerte Zweifel, ob Frauen so zum Umdenken bewegt werden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abtreibungsgegner
  • Anne Will
  • Beratungsstellen
  • Gießen
  • Patienten
  • Schwangerschaftsabbruch
  • Ärzte
  • Gießen
  • Karen Werner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.