01. Januar 2019, 22:29 Uhr

Freiheit, Hymnen, Menschenrechte

Freude allenthalben. Aber auch Botschaften für ein Miteinander in Frieden sind zu hören. Politisch engagiert statt walzerselig gibt sich das Neujahrskonzert im Stadttheater.
01. Januar 2019, 22:29 Uhr
»Freude schöner Götterfunken«: Im vierten und letzten Satz von Beethovens Neunter hat das Jubilieren Konjunktur. (Foto: Friese)

Freude schöner Götterfunken« – junge Menschen kennen die Melodie als Europahymne. Es handelt sich dabei um das Hauptthema »Ode an die Freude« aus dem letzten Satz der neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Das Meisterwerk des großen Klassikers steht gestern Abend im Mittelpunkt des Neujahrskonzerts im Stadttheater. Unter dem imaginären Obertitel »Freiheit, Hymnen, Menschenrechte« präsentiert der stellvertretende Generalmusikdirektor und Chorchef Jan Hoffmann ein Programm mit nur drei Werken. Im ausverkauften Großen Haus brandet am Ende nicht enden wollender Applaus für das anspruchsvolle Vorhaben auf, die allenthalben vorhandene Sektlaune mit Inhalt zu füllen. Intendantin Cathérine Miville bedankt sich danach bei allen Beteiligten und gibt dem Publikum moralische Gedanken mit auf den Heimweg.

Zuvor erklingt Beethovens Neunte als sinfonischer Meilenstein. Auf der Bühne stehen mehr als 90 Sänger – der Chor und Extrachor des Stadttheaters sowie die Frankfurter Singakademie, die ebenfalls von Hoffmann geleitet wird. Ihr jubilierender Gesang zu Friedrich Schillers Gedicht »Ode an die Freude« ist der Höhepunkt des Abends. Als Solisten beeindrucken in diesem vierten Satz die hochschwangere Sopranistin Annika Gerhards, Mezzosopranistin Stefanie Schaefer, Tenor Michael Siemon und Bassbaritonhaudegen Simon Bailey, der mit dem Brustton der Überzeugung alle an die Wand schmettern könnte, sich aber harmonisch ins Quartett einfügt.

Im Philharmonischen Orchester Gießen spielen Streicher und Holzbläser motiviert auf. Besonders das Presto dieser ewig jungen Sinfonie aus dem Jahr 1824 zieht in Bann. Hoffmann gibt ein straffes Tempo vor, ehe er das Adagio äußerst gediegen angehen lässt. Nach gut einer Stunde folgt das letzte aufbrausende Finale, das sich fernab der Walzerseligkeit in anderen Städten hier zum ersten Ohrenschmaus des Jahres mausert.

Zu Beginn des Konzerts liefert Hoffmann mit Aaron Coplands Hymne »Fanfare for the common man« den ersten Glanzpunkt. Der US-Amerikaner Copland, Sohn litauischer Einwanderer, ist ein beliebter Vertreter der Moderne. Seine Fanfare aus dem Jahr 1942 für Blechbläser und Pauken kennt jeder, seit das britische Rock-Trio Emerson, Lake and Palmer dem im Original vier Minuten langen Werk Ende der Siebzigerjahre zu Kultstatus verhalf.

Hoffmann lässt zudem Coplands »Lincoln Portrait« erklingen, ebenfalls aus dem Kriegsjahr 1942. In der zweiten Hälfte des patriotischen Stücks zitiert Schauspieler Roman Kurtz die Vita und demokratischen Leitlinien Lincolns – auf Englisch, dem Original verpflichtet. Auf Deutsch appelliert der Mime zuvor in einer Neujahrsansprache an die demokratischen Grundwerte der Gesellschaft. Kurtz erinnert an Schillers »Ode«, an den ehrenvollen Beethoven und den aufrechten Lincoln. Mitglieder des Jugendclubs »Spieltrieb« schreiten zunächst durch die Gänge des Theaters, dann auf die Bühne, um dort Auszüge aus dem Grundgesetz zu zitieren. Die Jugendlichen tragen Gewänder, die Europa als Vielfalt und Einheit symbolisieren, darunter sind schottische, italienische, bulgarische und deutsche Trachten.

Das Orchester spielt das »Lincoln Portrait« geradezu euphorisch. Hoffmann setzt musikalische Ausrufezeichen, als wären es die Segel eines Schiffs auf dem Weg in eine bessere Welt. Wie bei Beethoven und Schiller geht es auch bei Copland und Lincoln um die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen, um ein Leben in Frieden und Freiheit für jeden von uns. Kompliment für diesen engagierten Start ins neue Jahr!

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