05. Juli 2018, 21:50 Uhr

Freispruch nach lebensgefährlicher Messerattacke

05. Juli 2018, 21:50 Uhr

Gießen (kw). Die Angeklagten atmen erleichtert aus, ein Verteidiger klopft seinem Mandanten auf den Rücken. Freispruch trotz einer beinahe tödlichen Messerattacke für Nico A., eine glimpfliche Geldstrafe in Höhe von 2700 Euro für Max P.: So lautet das Urteil nach einer Schlägerei im November 2016 vor der Disco »Nightlife«. Die Entscheidung sei »unbefriedigend«, erklärt Richterin Regine Enders-Kunze, doch der Ablauf habe sich nicht sicher aufklären lassen. Der Anwalt des am schwersten verletzten Nebenklägers sieht das anders und kündigt Revision an.

»Der Sachverhalt musste weitgehend im Dunkeln bleiben«, sagte Enders-Kunze, Vorsitzende der Fünften Strafkammer am Landgericht, in der Urteilsbegründung bedauernd. Die Kamera, die den Ausgang der Disco im Schiffenberger Weg (früher »Alpenmax«, heute »Frau Trude«) überwachte, habe die Schlägerei nicht erfasst. Klar wurde aus ihren Aufzeichnungen nur, dass die meisten Aussagen nicht stimmen konnten.

Kaum einer der Zeugen sei glaubwürdig aufgetreten, zudem hatten sich die meisten Beteiligten vor der Verhandlung und – trotz Warnung – sogar vor aller Augen in der Mittagspause vor dem Gerichtssaal abgesprochen. Hinter Widersprüchen und angeblichen Erinnerungslücken steckten möglicherweise tiefere Motive, so Enders-Kunze. Es habe »mehr als dezente Hinweise« dafür gegeben, dass es beim auslösenden Streit um Drogen ging und nicht nur um einen »dummen Spruch« von Seiten Max P.s, von dem sich Waldemar B. provoziert gefühlt habe.

Ging es um Drogen?

Angetrunken bis schwer alkoholisiert waren alle jungen Männer, Max P. (28) hatte Kokain genommen, als sie am Morgen des 27. November beim Verlassen des Lokals aneinandergerieten. Irgendwann lag P. am Boden, mehrere andere traten und schlugen auf ihn ein. Nico A. (23) zog sein Messer und stach von hinten auf Christian S. (35) und Waldemar B. ein. Einer der Stiche war lebensgefährlich; Christian S. wurde dank schneller Hilfe und einer Notoperation gerettet. Beide traten als Nebenkläger vor Gericht auf.

Wer Aggressor und wer vielleicht unschuldig war, lasse sich indes nicht mehr klären: Das meinte nicht nur das Gericht. Staatsanwalt Klaus Bender sah ebenfalls »begründete Zweifel« und forderte Freispruch für beide Angeklagte, »auch wenn mir das nicht gefällt«. Vor allem das vermeintliche Opfer Waldemar B. sei alles andere als ein »unbeschriebenes Blatt«. Das bekräftigten die Verteidiger der Angeklagten. Von einer »klassischen Schlägerei morgens um halb vier unter Betrunkenen« sprach Christopher Posch. Der Jurist aus Kassel ist bekannt als »Fernsehanwalt« aus diversen RTL-Sendungen. Er vertrat zum wiederholten Mal Max P., der wegen Drogenhandels vorbestraft ist.

Nico A.s Verteidiger Frank Richtberg legte dar, warum die Messerstiche ohne Vorwarnung seiner Meinung nach ein in dieser Situation geeignetes Mittel gewesen seien, um die Schlägerei schnell zu beenden. Dieser Interpretation folgte das Gericht: Es sei denkbar, dass A. eine »Nothilfesituation« gesehen habe. An den Gießener gewandt mahnte die Richterin: »Sie sehen, was dabei rauskommt, wenn man ein Messer bei sich hat.« Immer häufiger gehe es bei Gericht um Attacken mit Messern. In etwa der Hälfte der Fälle seien Auseinandersetzungen »aus dem Ruder gelaufen«.

Die Geldstrafe begründet das Gericht mit einem Kopfstoß, den P. einem weiteren Mann verpasst haben soll, als der sich einmischte. Er habe schlichten wollen, sagte der Zeuge.

Rechtsanwalt Ramazan Schmidt, der Christian S. vertrat, kündigte an, in Revision gehen zu wollen. Nico A. sei zu verurteilen für die drei gezielten Stiche in den Rücken, die seinen Mandanten fast das Leben gekostet hätten. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass S. selbst Gewalt angewendet habe. Er habe zwar erklärt, er sei »mit draufgegangen«, aber diese Vernehmung noch im Krankenhaus sei fragwürdig.

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