08. November 2012, 22:33 Uhr

»Ganz normale Gießener Bürger« unter den Brandstiftern

Gießen (mö). Es werde sich »furchtbar rächen« und »Deutschland in den Abgrund stürzen«. Sechseinhalb Jahre später lag Gießen in Trümmern. Der Schriftsteller Georg Edward sollte Recht behalten, als er in seinem Tagebuch die Geschehnisse, die sich beim Judenpogrom vom 9. und 10. November 1938 in Gießen ereigneten, schilderte.
08. November 2012, 22:33 Uhr
Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz nach der Kranzniederlegung am Mahnmal vor der Kongresshalle. (Fotos: Schepp)

Es waren Schülerinnen des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums, die vor der Kongresshalle, wo früher die große Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde Gießens stand, Zeitzeugenberichte zitierten. Zur Gedenkstunde anlässlich des 74. Jahrestags der schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung waren am Donnerstagabend gut 100 Gießener in die Südanlage gekommen.

Pfarrer Cornelius Mann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit, erinnerte daran, dass der Begriff »Reichspogromnacht« für Gießen falsch sei. Die Synagogen seien am Morgen des 10. November und damit am »hellichten Tag« angezündet worden, zudem seien jüdische Geschäfte verwüstet worden, Menschen angegriffen und in die Konzentrationslager gebracht worden. Es habe sich auch mitnichten um einen spontanen Ausbruch von Volkszorn gehandelt, sondern um ein »staatlich organisiertes Verbrechen« und einen »Kulturbruch«, an dem sich gleichwohl ein Mob mit Zerstörungen und Plünderungen beteiligt habe. »Jubelnde Begeisterung« sei angesichts der brennenden Synagoge in der schaulustigen Menge ausgebrochen, die sich an der Südanlage damals versammelt hatte, heißt es in einem der Zeitzeugenberichte.

Unter den Brandstiftern seien »ganz normale Gießener Bürger« gewesen, erinnerte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz an die Ereignisse und die völlig unzureichende Aufarbeitung nach dem Krieg. Der Judenpogrom vom November 1938 sei nach jahrelanger Entrechtungspolitik der »Startpunkt für die planmäßige Vernichtung des europäischen Judentums« gewesen.

Anschließend legte die OB gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz einen Kranz am Mahnmal nieder. Geistliche Worte hatten zuvor für die christlichen Kirchen der evangelische Dekan Frank Thilo Becher und Clemens Wunderle für das katholische Dekanat gesprochen. Das jüdische Totengebet sprach Dr. Gabriel Nick, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde.

Mit Rücksicht auf den jüdischen Sabbat, der am Freitagabend beginnt, war die Gedenkfeier in diesem Jahr vom 9. November vorverlegt worden.



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