24. Mai 2019, 11:00 Uhr

Stolpersteine

Gedenken an NS-Opfer wachhalten

Gießener Jugendliche übernehmen Patenschaften für die »Stolpersteine«.
24. Mai 2019, 11:00 Uhr
Dunja, Joy-Lina, Julia, Renatus und Jessye (vorn, v. l.) polieren Stolpersteine in der Stephanstraße. Über diesen freiwilligen Einsatz freuen sich (hinten) Monika Graulich, Angelika Nailor und KIaus Weißgerber. (Foto: Schepp)

Wer will einmal im Jahr Messingplaketten auf Gehwegen putzen? Bei dieser Frage begannen einige Mitschüler geringschätzig zu lachen. »Das war für mich ein richtiger Ansporn«, sagt Julia. Nun kniet sie gemeinsam mit vier weiteren Neuntklässlern auf dem Bürgersteig in der Stephanstraße und poliert fachgerecht sieben »Stolpersteine«. Damit beginnt eine neue Ära von Patenschaften für die weltweite Kunstaktion zum Gedenken an Opfer der Nationalsozialisten.

Die 15- und 16-Jährigen von der August-Hermann-Francke-Schule werden »ihre« 22 Stolpersteine regelmäßig zum Glänzen bringen. Zuvor haben sie sich mit der Geschichte, den Lebensgeschichten dahinter befasst. »Erschreckend« war es für Jessye, das Schicksal der siebenköpfigen Familie Jacob zu erforschen, die 1942 - bis auf zwei Töchter, denen die Flucht in die Schweiz und nach England gelang - nach jahrelangen Demütigungen im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde. Ellen Jacob etwa wurde von Mitschülern bespuckt, beschimpft und geschlagen, bevor sie die Schule ganz verlassen musste. Sie wurde nur 17 Jahre alt.

Bespuckt, beschimpft, ermordet

Renatus wusste von einem Besuch in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald schon einiges über den Holocaust. Für ihn war es ebenso eine Selbstverständlichkeit, sich für die Patenschaft zu melden, wie für Joy-Lina, die sagt: »Es sind kleine Steine, aber sie haben eine große Bedeutung. Die Menschen wurden so gequält.« Dunja sieht »eine gute Gelegenheit, sich zu engagieren für etwas Sinnvolles. Man kann ein Zeichen setzen.« Alle finden das Konzept des Künstlers Gunter Demnig überzeugend: »Stolpersteine« verhindern, dass die zwischen 1933 und 1945 Verfolgten vergessen werden; und der Betrachter »verbeugt« sich beim Lesen vor ihnen. Nun tragen die Mädchen und Jungen selbst dazu bei, dass die Plaketten leserlich und auffällig bleiben.

Die Idee, Jugendliche mit dem Reinigen zu betrauen, stammt von Angelika Nailor, Geschäftsführerin des Vereins Ehrenamt. Nicht nur in der Francke-Schule stieß sie auf offene Ohren. Sieben weitere Schulen, eine Konfirmandengruppe und zwei Privatpersonen kümmern sich fortan um die derzeit gut 150 »Stolpersteine« in Gießen.

Für die ersten Exemplare hatten oft die Spender die »Patenschaft« übernommen, berichten Monika Graulich und Klaus Weißgerber von der Koordinierungsgruppe: Sie recherchierten die Lebensgeschichten und pflegten die Plaketten. Doch mit der über die Jahre wachsenen Zahl sei das immer schwieriger geworden. Die Initiatoren freuen sich, dass nun so viele Jugendliche aktiv werden und sich gleichzeitig mit der deutschen Geschichte beschäftigen. Julia ist wie ihre Klassenkameraden überzeugt: »Wir müssen das in Erinnerung behalten, damit so etwas nicht noch einmal passiert.«

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