15. November 2019, 22:13 Uhr

Gegenwärtigkeit durch Sprache

15. November 2019, 22:13 Uhr
Nico Bleutge im Gespräch mit Dr. Peter Reuter (r.) vor der Kunstfigur eines beobachtenden Anthropologen. (Foto: dkl)

Im Laufe des aktuellen Jubiläumsjahres zum Zehnjährigen der Kunsthalle Gießen hat Kuratorin Dr. Nadia Ismail diverse Gäste eingeladen. Am Donnerstagabend war das Literarische Zentrum Gießen (LZG), das ebenfalls seit zehn Jahren besteht, zu Gast mit dem Lyriker Nico Bleutge. Es moderierte LZG-Vorstandsmitglied Dr. Peter Reuter, im Berufsleben Direktor der Unibibliothek, der sich intensiv auf das Gespräch mit dem Autor vorbereitet hatte. Zum Vortrag kamen Passagen aus Bleutges aktuellem Gedichtband »nachts leuchten die schiffe« (2017).

Nico Bleutge (geb. 1972) ist in Pfaffenhofen aufgewachsen, lebt schon seit Langem in Berlin. Er ist erfolgreich als Lyriker, Essayist und Literaturkritiker und hat viele Preise und Stipendien erhalten, zuletzt von der Deutschen Akademie in der Villa Massimo in Rom. Die Eindrücke, die er dort aufnahm, sind noch im textlichen Rohstatus, Bearbeitung und Veröffentlichung folgen noch, erfuhr das Publikum in den Gesprächsphasen. Bereits für seinen ersten Gedichtband »klare konturen« erhielt er 2006 einen Preis; lustigerweise bereits damals schon für sein Lebenswerk, obwohl er noch ganz jung war. »Das hat wohl steuerliche Gründe«, schmunzelt er.

Seit er das Libretto zu der Oper »Wasser« von Arnulf Herrmann (2012) schrieb, habe sich sein assoziatives Schreiben verändert. Er denke mehr in Zusammenhängen, was in seiner Lyrik die Gestalt von Zyklen annimmt. Sein jeweiliger Aufenthaltsort ist die Hauptinspirationsquelle zum Schreiben. So war es in Istanbul sein Zimmer mit Blick auf den Bosporus, auf das Wasser und die eigentlich schweren Containerschiffe, die darüber mit großer Leichtigkeit gleiten. Daraus wurde der Gedichtband »nachts leuchten die schiffe«, aus dem er an diesem Abend vorlas.

Zuvor gab er weitere Erläuterungen. Eine zweite Schicht komme aus der persönlichen Erinnerung, da er als Kind bei Besuchen der am Rhein lebenden Großeltern immer die dort querenden Schiffe beobachtet habe. Als drittes komme Gelesenes hinzu, was in Istanbul das Mammutwerk »Berge Meere und Giganten« von Alfred Döblin war. »Eine Dystopie«, erklärt er, »in der die Menschen nach der Erdzerstörung versuchen klarzukommen.«

Eigentlich war noch eine vierte Schicht dabei, wie am Ende klar wurde. Denn die Aufzählung von Grenzorten, die heute für Flüchtlingsrouten stehen, ursprünglich alte Handelsstraßen waren, stehen für seine literarische Form der Benennung von tagespolitischen Themen. »Ohne in Politparolen und damit in eine hierarchische Sprache zu verfallen.«

Ohne Reime und Metren

Er schreibt nur mit kleinen Buchstaben, ohne Reime und Metren, dennoch sind Rhythmus und Klang wichtige Elemente. Er wiederholt Worte in verschiedener Gestalt, auch mal als Anagramm. Er will weder Gefühle noch Meinungen transportieren, er möchte beim Lesen Präsenz herstellen und Gegenwärtigkeit durch Sprache ermöglichen. Dabei geht er mit Erfahrungen und Erinnerungsschichten spielerisch assoziativ um. Beim Zuhören kann man sich in den Klang seiner warmen Stimme fallen lassen, beim Lesen nimmt man die formalen Strukturen eher wahr.

Den Ort seiner Gießen-Lesung, die Ausstellung des Neuseeländers Matthew Cowan »The Scream of the Strawbear«, hatte er zuvor bei einem Rundgang kennengelernt. Und sich wohlgefühlt, erklärt er, denn er erinnerte sich an Strohbären-Rituale in einem Vorort von Tübingen, wo er studierte. Für die Zuhörenden unfasslich, aber sehr passend, war der Sitzplatz von Bleutge: vor der lebensgroßen Kunstfigur eines beobachtenden Anthropologen, behängt mit Mikrofonen, Fotoapparaten und anderen Dingen. Einen Hauch davon hat Bleutge in seiner Beobachterposition auch.

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