03. April 2015, 22:13 Uhr

Gelungener »Brautwechsel« mit Maddin Schneider

Mengenges im Barock, fliegende Petticoats und eine Schar Frischverliebter – die neue Oper am Stadttheater ist Komödie und Tragödie in einem. »Der misslungene Brautwechsel« gelingt auch dank des hessisch babbelnden Schneider.
03. April 2015, 22:13 Uhr
Gleich wird er derb und zudringlich: König Isacius (Yannis François) macht sich an die junge Berengera (Naroa Intxausti) ran. (Foto: Rolf K. Wegst)

Am Anfang ist er allein auf der Bühne, öffnet sein schlichtes Restaurant, ein amerikanisches Diner aus den 1950er Jahren, das aussieht wie das Lokal aus dem ersten »Zurück in die Zukunft«-Film. Am Ende schließt sich ein turbulenter Kreis und er hockt fatalistisch mit einer Leiche in seinem Gastraum – wiederum allein. Maddin Schneider in der Rolle des Gelasius ist mehr als ein Stichwortgeber in der neuen Oper am Stadttheater.

Er unterwandert im Duktus seiner langjährigen Bühnenfigur die Handlung und bildet mit seinen schnoddrigen Einwürfen den Kontrapunkt zum ernsten Geschehen. Oder wie er es nennt: »Da würd ich ein druff lasse.« Gelasius kennt sich aus: »Man soll net gege de Wind schiffe.« Und gibt hin und wieder den Überraschten: »Was sinnen des für Ferz?« Die breite Mundart bereitet in den ersten 30 Minuten Vergnügen. Danach verpuffen die Überraschungsmomente mehr und mehr.

Dass der stets hellwache Schneider nicht singen kann, aber zweieinviertel Arien (»Ich will die Wahrheit geigen«) meistern muss, ist zu verschmerzen. Dass er geht und auch tanzt, weil der Barock-Sound so schön groovt, wie Jar Jar Binks aus »Star Wars«, dürfte hinlänglich bekannt sein. Und Handkäs serviert Gelasius immerhin einmal zur Musik.

Erzählt wird in der Oper »Der misslungene Brautwechsel oder Riccardo I.« von Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann die Geschichte von viel Liebesleid und etwas Liebesglück. Die Handlung zeichnet eine seltsame Episode aus dem Leben von König Richard Löwenherz nach.

Bevor sich der stolze Engländer nach Jerusalem begibt, will er auf Zypern die schöne Berengera heiraten. Zu dumm, dass er sie zuvor noch nie gesehen hat. Gleichwohl ist seine Liebe zu ihr entbrannt. Zu dumm, dass auch Zyperns Herrscher Isacius gefallen an der Maid findet. Er offeriert Löwenherz stattdessen seine eigene Tochter Formosa. Mit der Heirat will er sein Reich vergrößern. Zu dumm, dass Formosa bereits vergeben ist… Es entspinnt sich der übliche Reigen der Verwicklungen und Verwirrungen, die Regisseur Balázs Kovalik nach Amerika verfrachtet, mitsamt fliegenden Petticoats und einem Isacius im J.-R.-Ewing-Look.

Mit einer famosen »Agrippina«-Inszenierung vor zwei Jahren hat der Ungar die eigene Messlatte hoch gelegt. Damals wurde in seiner Händel-Kita im Großen Haus intrigiert, gelogen und gehänselt, bis sich die Klettergerüstbalken bogen. Der frühreife Nachwuchs vollzog Blutsbrüderschaften, versuchte sich an Doktorspielen und demonstrierte präpubertäres Mobbing.

Jukebox startet das Orchester

Von derlei Einfällen beflügelt, wagt sich Kovalik nun an seinen zweiten Händel. Das Geniale des ersten Coups blitzt gelegentlich auf. Etwa wenn Löwenherz, der hier Richardus heißt, im Finale als Traumschiffkapitän mit seinem Kahn mitten ins Lokal rauscht und dabei den Zypernprospekt an der Wand zerstört (Ausstattung: Angelika Höckner). Oder in Videoeinspielungen in den Diner-Fenstern, wenn Löwenherz unter Wasser als verliebter Taucher mit roter Rose im Mund Berengera bezirzt. Ebenfalls gelungen: Bei seinem ersten Auftritt gibt Richardus einen Disco-Sänger, eine Ein-Mann-Boney-M.-Gruppe. Und Gelasius schließlich startet das Orchester mithilfe des Münzeinwurfs an seiner Jukebox.

Doch es bleiben Fragen offen. Berengeras Aufpasser Philippus befingert allzu oft die junge Dame und hat irgendwann die Schnauze voll: Er will selbst eine Frau werden – warum, weiß nur der Regisseur. Berengera ihrerseits ist die ganze Zeit über verzweifelt, auch als sie mit Richardus schon beinahe vereint ist. Und Formosa muss lange unbeteiligt in der Ecke sitzen.

Am Ende wird es Ernst und Isacius entgegen dem ursprünglichen Schluss der Oper von Orontes erschossen. Gelasius bleibt allein, mit der Leiche monologisierend, zurück. Vorhang.

Motiviert und prägnant zeigt sich das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Generalmusikdirektor Michael Hofstetter. Im Graben auf halber Höhe passt der Dirigent die Lautstärke gut an. Die Musiker erweisen sich als trefflich abgestimmte Formation. Besonders die Streicher überzeugen mit lupenreinem Spiel. Auch der Basso continuo (Cello, Cembalo, Lauten und Theorbe) kann sich hören lassen.

Zwei Primadonnen an einem Abend – das gibt es sonst nirgends. Naroa Intxausti als Berengera gebührt die Krone für ihre geschmeidige, in den Höhen spannungsreiche und koloraturleichte Stimme. Francesca Lombardi Mazzulli setzt mit ihrem reinen Sopran die Akzente. Das gelingt auch Bariton Tomáš Král (Richardus), der kräftig und einfühlsam zugleich intoniert. Countertenor Jakub Józef Orlinski (Philippus) bleibt in seiner Partie hinter der Leistung von Magid El-Bushra (Orontes, als Polizist auch optisch eine Bereicherung) zurück. Solide: Yannis François als König Isacius.

Am Ende der dreistündigen Oper gibt es viel Applaus. Im Foyer überwiegen die positiven Kommentare. Einer der Gäste bringt seine etwas andere Sichtweise auf den Punkt: »Für mich war’s heut a bissche zu viel Mengenges.«

Manfred Merz

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