13. Mai 2018, 19:13 Uhr

Geschmeidiges auf hartem Boden

13. Mai 2018, 19:13 Uhr
Die Tänzer stellen den Klinik-Alltag nach: Menschen kommen, geben sich halt und gehen wieder auseinander. (Foto: Rolf K. Wegst)

Die Eröffnungsreden zum TanzArt ostwest-Festival fielen etwas anders aus als geplant: nicht im vorderen Foyer des Chirurgie-Treppenhausanbaus, sondern direkt im Rund des Aufgangs, wo die Tanzfläche sein sollte. Die zahlreichen Besucher hatten sich eigenständig auf den Weg nach oben gemacht und die Eröffnungsreden nicht abgewartet. So sprachen Ballettdirektor Tarek Assam, Hausherr Prof. Werner Seeger, Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Renate Seeger, Vorsitzende des Freundeskreis Kunst am Klinikum, mit dem Blick nach oben. Was eine zwar ungewöhnliche, aber für das Stück typische Umorientierung bedeutete.

Denn der Gastchoreograf Tiago Manquinho (Braunschweig), der für die diesjährige ortsspezifische Darbietung bzw. Site-Specific-Performance eingeladen worden war, hatte gleich bei der ersten Besichtigung dieses Ortes entschieden, dass die Zuschauer oben stehen und nach unten blicken sollten. Er hat die Choreografie also in der Aufsicht geplant und nicht in der üblichen Seitensicht. Das tänzerische Geschehen findet unten statt, rund um den großen Ficus Benjamini. Von den oberen Treppenabsätzen hat man auch die blauen Segel im Blickfeld, die – wie die blaue Kugel im Außenraum – von dem Künstler Nikolaus Koliusis stammen und schon seit 20 Jahren dort hängen.

»Die Zuschauer dürfen sich bewegen und sollen unterschiedliche Standorte ausprobieren. Das ist durchaus gewollt«, erklärt der Choreograf dazu. Tiago Manquinho hat selbst 20 Jahre als Tänzer auf der Bühne gestanden, choreografiert seit 2003 und unterrichtet insbesondere Contact Improvisation. Dieser besonders geschmeidige und auf Bewegungsimpulsen beruhende Tanzstil war auch bei dem Tanzstück »Close_Insight« deutlich erkennbar. Manquinho hat auf darstellerische Momente weitgehend verzichtet und sich ganz auf den Tanz konzentriert.

Das Miteinander der Tanzenden findet oft in der Horizontalen statt, also auf dem Boden liegend, oder zumindest mit ausgreifenden Armen und Beinen. In den Gruppenszenen streben sie aufeinander zu und voneinander weg, durchdringen sich, verschmelzen zum Knäuel und lösen sich ebenso geschmeidig wieder ab. Dass man derart weich über harten Steinfußboden kugeln und robben kann, ist im Normalleben kaum vorstellbar. Thematisch geht es um die Situation im Klinikum, wo täglich Menschen allein oder in Gruppe hinkommen, für einen Moment einander Halt geben und dann wieder eigene Wege gehen.

Erstmalig ist bei der diesjährigen Darbietung live gespielte Musik dabei. Ausgewählt wurden Klavierwerke von John Cage, weil der Künstler Koliusis von dessen Werk beeinflusst ist. Auf diese Situation eingelassen hat sich der Pianist Daniel Heide, der sogar seine Flügel aus Weimar hat hertransportieren lassen. Sein Vortrag war ebenso eindringlich wie souverän, dazu kamen noch Überraschungsmomente, die hier nicht verraten werden sollen. Beide Flügel waren nach der gefeierten Premiere von Neugierigen umlagert, die schauen wollten, wie so ein »präpariertes Klavier« nach den Angaben des Komponisten John Cage im Innern ausschaut.

Eine bravouröse Vorstellung gaben die Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen: Anna Jirmanova, Gina Maag und Clara Thierry, Michael D’Ambrosio, Marcel Casablanca Martinez, Lorenzo Rispolano und Antonio Spatuzzi sowie Gasttänzerin Maya Triay.

Noch zu erleben ist »Close_Insight« am Pfingstsonntag und -montag jeweils um 11 Uhr.

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