08. August 2013, 20:28 Uhr

Gewollter Wildwuchs am Synagogenstein

Gießen (mö). Es ist ein besonderer Platz in Gießen. In jedem November versammelt sich hier die Stadtgesellschaft, um an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Gießens während der Nazizeit zu erinnern. Ist der Standort der früheren Synagoge in der Südanlage der richtige Platz, um mit Wildkräutern zu experimentieren?
08. August 2013, 20:28 Uhr

Eine ältere Gießenerin, die sich in den letzten Tagen bei mehreren Stellen über den Wildwuchs beschwert hat, beantwortet die Frage mit Nein.

Ende Mai hatten die Landesgartenschau Gießen 2014 GmbH, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) und die Künstlergruppe Gärtnerpflichten die Aktion »Gießener Samentüte« gestartet. Als Musterfläche war das Beet hinter dem Gedenkstein für die Synagoge ausgewählt worden. »Uns war schon bewusst, dass das ein besonderer und sensibler Ort ist«, sagt Jörg Wagner von den Gärtnerpflichten. Deshalb sei das Hinweisschild in dem Beet, das die Aktion erklärt, auch bewusst klein. Negative Reaktionen habe es bislang keine gegeben, auch nicht von der jüdischen Gemeinde.

Interesse an »offener Diskussion«

Für die Kritik der alten Dame ist Wagner gleichwohl dankbar, denn die Gärtnerpflichten und das Gartenamt der Stadt seien an einer »offenen Diskussion« interessiert, wie die Grünflächenpflege der Zukunft aussehen soll. In vielen Städten werde mittlerweile ein »anderes Bild von innerstädtischer Natur« vermittelt, greife das sogenannte »urban gardening« mit heimischen Wildkräutern um sich. Daher widerspricht Wagner auch dem Eindruck der Gießenerin, das Beet vor der Kongresshalle, wo einige Pflanzen, darunter Sonnenblumen, mittlerweile fast mannshoch wachsen, vermittele einen unordentlichen und mithin unwürdigen Eindruck. Wagner dreht den Spieß um und wirft die Frage auf, ob die vorherige »Friedhofsbepflanzung« dem Ort angemessen gewesen sei, denn die jüdische Friedhofskultur sehe völlig anders aus als die geordnete der Christen.

Unabhängig von der Frage, ob der Synagogenstein ein richtiger Standort für ein Wildkräuterbeet ist, wollen die Gärtnerpflichten im September bei einer neuen »Rollrasenexpedition« über das Thema, wie innerstädtisches Grün aussehen sollte, mit den Bürgern ins Gespräch kommen.

Die »Gießener Samentüte«, die den Samen von rund 50 heimischen Wildkräuterarten enthält, war jedenfalls ein voller Erfolg. 1000 Stück wurden binnen weniger Wochen verkauft. Wagner: »Theoretisch müsste es in Gießen 5000 Quadratmeter zusätzliche Wildkräuterbeete geben.«

Denen wollte die Stadt das Feld an der Südanlage übrigens doch nicht völlig allein überlassen. Denn neben die kleine oberhessische Wildkräuterwiese wurden zwei Palmenkübel gestellt. (Foto: mö)

Mit »Gießener Samentüte« Wildkräuter säen

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