24. Oktober 2019, 19:00 Uhr

Pilotprojekt

Gießen geht neue Wege beim Kita-Personal

Die Idee war ein Tabubruch. Nun arbeiten in neun Gießener Kitas »Zusatzkräfte«. Stadträtin Gerda Weigel-Greilich will das Pilotprojekt wegen des Erziehermangels noch ausweiten.
24. Oktober 2019, 19:00 Uhr
In der Lützellindener Kita »Die wilde 13« ist Corinna Bellof-Adigüzel (2. v. r.) nun Betreuerin statt »Küchenfrau«. Darüber freuen sich auch Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (r.) sowie Christina Steudemann, Leiterin der Einrichtung. (Foto: kw)

Die »wilde 13« mit Essen versorgen: Das war ein schöner Beruf für Corinna Bellof-Adigüzel. Die Kinder der städtischen Kindertagesstätte in Lützellinden kamen immer häufiger zu ihr in die Küche, auch wenn sie keinen Hunger hatten. Sich ganz ihrer Betreuung zu widmen - das war für die gelernte Bürokauffrau ein Traum, dessen Erfüllung in den Sternen zu stehen schien. Bis die Stadt Gießen eine Pionier-Initiative ergriff. Seit Anfang Oktober ist Corinna Bellof-Adigüzel eine von neun »Zusatzkräften« in Krabbelgruppen. Schon jetzt sei das einmalige Pilotprojekt ein Erfolg, sagt Stadträtin Gerda Weigel-Greilich. Die Stadt wolle noch mehr solcher Kräfte einstellen. »Immer zusätzlich«, betont die Grüne.

Beim GAZ-Ortstermin im Garten der Kita strahlen alle um die Wette: Die Ein- bis Dreijährigen, für die es nun nicht mehr ganz so lange dauert, bis sie alle mit Schuhe, Jacke und Matschhose fürs Freie gerüstet sind. Kita-Leiterin Christina Steudemann, die weiß, dass man in einer U3-Gruppe oft »sechs Hände braucht«. Weigel-Greilich, die den Tabubruch gegen manche Widerstände durchgesetzt hat. Und Corinna Bellof-Adigüzel. »Ich bin total froh, dass diese Stellen ausgeschrieben wurden«, sagt die 39-jährige Mutter dreier Kinder. »Es ist einfach schön, mit Kindern zu arbeiten. Man kriegt so viel zurück.« Nun denkt sie über eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin nach.

Solche Fachkräfte sind knapp. Der Mangel droht noch problematischer zu werden, wenn die Angehörigen der starken Geburtsjahrgänge in den Ruhestand gehen. Zugleich wächst der Bedarf der Familien. »Rasant« zugenommen habe in wenigen Jahren die Zahl der Kinder, die den ganzen Tag in der Kita bleiben, schildern Weigel-Greilich und Steudemann. Das frühe Eintrittsalter von ein oder zwei Jahren sei heute normal, auch im dörflich geprägten Stadtteil. »Die wilde 13« wurde daher auf 100 Plätze erweitert.

»Superglücklich« ist Steudemann darüber, dass ihr insgesamt 16-köpfiges Team - darunter etliche Teilzeitkräfte - nun von einer der »Zusatzkräfte« unterstützt wird. Anziehen oder beim Essen helfen sind beispielsweise ihre Aufgaben. Die pflegerische Arbeit, etwa das Wickeln, bleibe Sache der jeweiligen Bezugserzieherin.

Während man bei Erzieherstellen die Zahl der Interessenten meist an zwei Händen abzählen kann, gab es auf die Ausschreibung der Stadt für die ersten fünf Zusatzkraft-Vollzeitstellen über 80 Bewerbungen. Viele bringen bereits Erfahrung mit, etwa als Tagesmütter oder Studentinnen. Sogar gelernte Erzieherinnen haben sich gemeldet, die lange nicht im Beruf tätig waren oder sich bereits im Ruhestand befinden. Der Wiedereinstieg als Zusatzkraft mit etwas weniger Verantwortung scheint für sie attraktiv zu sein.

Den vielen Menschen eine Chance geben, die gerne im Kindergarten arbeiten würden und durchaus dafür geeignet wären, denen aber die formale Qualifikation fehlt: Das ist ein Nebeneffekt des Projekts. Wichtig sei auch die Entlastung der Erzieherinnen, so Weigel-Greilich: Nur mit guten Rahmenbedingungen könne man sie im Beruf halten.

Andernorts müssen Kitas schließen

Hauptmotivation war indes die verbesserte Betreuung der Kleinkinder. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Klaus-Dieter Grothe, Kinder- und Jugendpsychiater, hatte im Juni 2018 dem Jugendhilfeausschuss von Studien berichtet, denen zufolge Kinder grundsätzlich vom frühen Kitabesuch profitierten - außer wenn die Personaldecke in der Einrichtung zu dünn ist. Auf seine Initiative hin schrieb die Stadt die Zusatzkräfte aus, die flächendeckend in allen Krabbelgruppen sämtlicher Träger eingesetzt werden sollen. Die Eltern müssen dafür nicht extra bezahlen. Das Jugendamt rechnet mit Mehrausgaben der Stadt von etwa 500 000 Euro im Jahr für langfristig 15 Vollzeitstellen.

Der Einstieg sei gelungen, sagt Weigel-Greilich. Sie weist zugleich darauf hin, dass die Stadt Gießen sich schon lange um gute Qualität in der U3-Betreuung bemüht, unter anderem mit kleinen Gruppen. Erlaubt sind zwölf Kinder. In Gießen liegt die Grenze bei zehn, betreut von zwei Erzieherinnen und nun auch einer Zusatzkraft.

Die Stadträtin hofft, dass es weiterhin gelingt, den Kitabetrieb möglichst bedarfsgerecht aufrechtzuerhalten. In anderen Städten sei es längst »gang und gäbe«, dass Gruppen oder ganze Einrichtungen mangels Fachpersonal schließen müssten, etwa wegen Krankheitsfällen oder auch langfristig.

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