09. Juli 2019, 14:00 Uhr

Hautkrebs

Gießener Forscher warnen vor weißem Hautkrebs

Längst weiß man, dass zu viel Sonne Hauptursache für Hautkrebs ist. Die Mediziner der Gießener Hautklinik schätzen den Nutzen der Sonne, sie raten aber zu einem maßvollen Umgang.
09. Juli 2019, 14:00 Uhr

Die Zahl der Hautkrebsneuerkrankungen liegt pro Jahr bei etwa 200 000. Jeder kennt die Gefahren der Sonne, aber viele halten sich nicht an die Empfehlungen der Mediziner. Nehmen wir die Warnungen immer noch nicht ernst genug?

Prof. Thilo Jakob : Ich glaube schon, dass diese Erkenntnisse in das Bewusstsein eingedrungen sind. Insbesondere Eltern, die ja für das Sonnenverhalten der Kinder verantwortlich sind, tun alles für einen vernünftigen Schutz. Da hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren viel getan.

Zum Glück, denn gerade im Kindesalter können Verwundungen der Haut - was ein Sonnenbrand ja ist - böse Folgen haben.

Jakob: Richtig. Studien belegen, dass dies eine vulnerable Phase für das maligne Melanom ist, also für den schwarzen Hautkrebs. Neben dieser erfreulichen Entwicklung der besseren Prophylaxe gibt es aber zweifellos immer noch viel zu viele Menschen, die sorglos in der Sonne brutzeln. Sie müssen sich ja nur mal auf Grillplätzen oder in Freibädern umschauen. Das ist ein Beispiel für kognitive Dissonanz: Die Leute wissen, dass ihr Verhalten gefährlich ist, sie tun es aber trotzdem.

Aber die vernünftige Konsequenz aus diesem Wissen kann ja auch kein komplettes Meideverhalten sein.

Jakob: Natürlich nicht. Es muss niemand im Dunkeln leben. Aber man kann die Spitzen der Sonnenbelastung vermeiden und sich auch am Strand im Schatten aufhalten.

Dr. Daniela Göppner : Und man sollte sich unbedingt durch Kleidung schützen. Das ist sehr gut möglich, auch ohne sich zu vermummen.

Wie lange darf ein Sonnenbad denn sein?

Göppner: Ich habe großes Verständnis für den Wunsch, sich in der Sonne aufzuhalten. Aber Sonnenbäder gehen gar nicht. Das ist die klare Botschaft von uns Tumorspezialisten. Denn wir haben in der Klinik täglich mit den Folgen zu tun.

An dieser Stelle ist es wichtig, eine Lanze für die Sonne zu brechen...

Jakob: ....natürlich verteufeln wir die Sonne nicht. Im Gegenteil. Sie hat einen großen Nutzen für unser Wohlbefinden, sie ist stimmungsaufhellend, sie dient der Osteoporose-Prophylaxe und der Vitamin-D-Synthese. Das ist alles wunderbar. Aber es kommt eben auf das richtige, vernünftige Maß an.

Für die Entstehung von Hautkrebs gibt es noch weitere Ursachen.

Jakob: Das ist richtig. Wir können einiges durch unser Verhalten beeinflussen, aber nicht alles. Genetische Faktoren spielen eine Rolle. Bei schwarzem Hautkrebs sind oft DNA-Mutationen ursächlich. Auslöser können auch Immunsupressiva sein. Patienten, die Medikamente nehmen müssen, die die Funktionen des Immunsystems beeinflussen, sind einem deutlich höheren Hautkrebsrisiko ausgesetzt. Das ist zum Beispiel nach Gewebe- oder Organtransplantationen der Fall. Deshalb schauen wir uns diese Patienten in regelmäßigen Abständen an.

Können Sie uns die unterschiedlichen Hauttumortypen erläutern? Was ist schwarzer und was ist weißer Hautkrebs?

Jakob: Wir haben es mit drei großen Gruppen zu tun. Zum einem mit dem Melanom, das ist der schwarze Hautkrebs. Hinzu kommen der Stachelzellkrebs (Spinaliom) und die Basaliome, beide nennt man den weißen oder hellen Hautkrebs. Diese drei Gruppen zusammen sind die häufigsten Krebsarten überhaupt. Die Anzahl der Hautkrebsneuerkrankungen liegt bei 200 000, 20 000 davon sind Melanome, die ein besonders hohes Risiko haben, Metastasen zu bilden.

Bei der Melanom-Behandlung hat man in den vergangenen Jahren mit der Immuntherapie große Fortschritte gemacht.

Jakob: Das stimmt, das ist ein wirklich großer Sprung nach vorne. Melanome sind Hochrisikotumore mit einer hohen Wahrscheinlichkeit der Metastasierung. Bei der Immuntherapie wird die körpereigene Immunabwehr gestärkt, indem in die komplizierten Regulationsabläufe des Immunsystems eingegriffen wird. Sie ist nicht so belastend wie eine Chemotherapie, aber auch nicht frei von Nebenwirkungen. Diese sind aber recht gut therapierbar.

Aber auch der weiße Hautkrebs muss behandelt werden. Meist wird er operativ entfernt.

Jakob: Er ist auf keinen Fall harmlos. Früher hat man Basaliome »halbbösartig« genannt. Der Tumor macht in der Regel keine Metastasen. Aber er wächst langsam und stetig, deshalb spricht man vom nagenden Tumor. Er sitzt häufig an Stirn oder Nase, dort, wo das Licht immer hinfällt. Er ist ganz klar ein maligner Tumor, der entfernt werden muss. Auch mit 85 Jahren noch. Leute werden heute locker 95 Jahre und älter. Das bedeutet, der Tumor hat über zehn Jahre Zeit zu wachsen. Das kann man nicht so lassen, das ist eine große Beeinträchtigung der Lebensqualität. Zwischen Basaliom und Melanom haben wir den Stachelzellkrebs. Er kann Absiedlungen machen, aber er tut das selten.

Die meisten Patienten mit Basaliomen sind im Rentenalter. Der weiße Hautkrebs ist die Quittung für zu viel Sonne in früheren Jahren. Blicken viele reumütig zurück?

Göppner: Die Langzeitschäden zeigen sich tatsächlich oft erst sehr viel später, das stimmt. Aber es bringt ja nichts, über verschüttete Milch zu lamentieren. Wichtig ist, dass diese Patienten auch nach der Behandlung regelmäßig zur Kontrolle kommen.

Seit 2008 ist das Hautkrebsscreening für Versicherte ab 35 Jahren eine Kassenleistung. Hat das etwas gebracht?

Göppner: Auf jeden Fall. Es ist extrem wichtig für die Früherkennung. Mir wäre es aber lieber, wenn das Angebot jährlich und für alle Patienten gelten würde.

Auf Tabakprodukten gibt es Schockbilder, die die Gefahren des Rauchens drastisch vor Augen führen. Können Sie sich so etwas auch beim Hautkrebs vorstellen?

Göppner: Es gibt solche Schockbilder ja. Aber wo sollte man sie vor Ort anbringen? Am Strand? Oder auf den Sonnenschutzprodukten? Das funktioniert nicht. Wir müssen eher darauf setzen, dass sich das Bewusstsein nachhaltig ändert. Die Ansätze sind ja da.

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