01. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Klimafolgen

Gießener Wald leidet unter verändertem Klima

Bergwerkswald, Schiffenberger Wald und Bergwerkswald gehören zu Gießen wie die Lahn und die Universität. Aber Gießens grüne Lunge hat zunehmend Stress mit dem Klima.
01. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Naturbelassenes Waldidyll im Schiffenberger Forst. Der Eindruck indes täuscht: Sämtliche Baumarten im Gießener Stadtwald sind von »Vitalitätsverlusten« betroffen. (Foto: mö)

Die Luft ist frisch, durch das Blätterdach dringt die Sonne und lässt das gelbe Laub auf den Wegen und das sattgrüne Gras am Waldesrand erstrahlen. Zu Fuß oder auf dem Fahrrad durchstreifen am vergangenen Sonntag wieder viele Gießener den Wald vor ihrer Haustür, etliche Familien sind auf Exkursion. Wen man einen der vom Regen der letzten Tage durchtränkten Wege verlässt und zum Beispiel im unteren Schiffenberger Forst ein paar Meter in Bereiche hineingeht, die früher dichter Wald waren, steht man plötzlich in der Steppe. Am Ende der ausgetrockneten und auffällig warmen Lichtung ragen Nadelbaumleichen in den Himmel.

Vor allem in den schwindenden Fichtenbeständen komme er sich manchmal wie ein »Bestatter« vor, sagt Stadtförster Ernst-Ludwig Krieb Anfang September bei einer Wanderung, zu der die Stadt in den Schiffenberger Forst eingeladen hatte. Aus »Walderleben mit allen Sinnen« macht Krieb kurzerhand einen Rundgang zum Thema »Klimastress im Stadtwald«. Was der mit den rund 1800 Hektar Wald im Stadtgebiet macht, hat am Donnerstag Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich im Stadtparlament berichtet. »Der Stadtwald verändert insgesamt sein Erscheinungsbild. Sämtliche Baumarten sind von Vitalitätsverlusten betroffen«, erklärt die Grünen-Politikerin auf Anfrage des SPD-Fraktionsvorsitzenden Christopher Nübel.

Laut Weigel-Greilich kommt der Stadtwald noch vergleichsweise gut mit den sich veränderten Klimabedingungen zurecht. »Wir bewirtschaften unseren Wald schon seit Jahrzehnten naturgemäß und betrachten ihn als komplexes Ökosystem«, erläutert die Stadträtin und zählt Funktionen wie Wasserund Kohlendioxid-Speicher sowie Luftfilter auf, die Holzverwertung sei »schonend«. Da Baumarten unterschiedlichen Alters miteinander vergesellschaftet seien, sei der Bestand selten komplett von Schwierigkeiten betroffen. Gleichwohl nähmen die Mitarbeiter des Forstbetriebs eine »massive Beeintrcähtigung des Stadtwalds durch veränderte Umweltbedingungen« wahr.

Ganz verschwinden aus dem Stadtwald werden laut Umweltdezernentin die Fichten. Wie Kiefern, Eschen und Buchen mit dem Klimastress zurechtkommen, müsse intensiv beobachtet werden. Auch den Buchen, die über 50 Prozent des Stadtwalds stellen, macht die Trockenheit der letzten beiden Jahre zu schaffen. Etliche werden nach Erwartung von Stadtförster Krieb bald absterben - hunderte Jahre zu früh.

Rehwildbestand »anpassen«

Weigel-Greilich sieht den städtischen Forstbetrieb »noch relativ gut aufgestellt«. Denn nur, wenn ausreichend Fachleute dem Wald »ständig den Puls fühlen«, könne auch rechtzeitig und effektiv reagiert werden. Die in den Wäldern durch Trockenheit und Windwurf entstandenen Freiflächen würden mit klimarobusten Baummischungen aufgeforstet. Hierbei arbeite die Stadt mit regionalen Baumschulen zusammen, die im Auftrag der Stadt Forstpflanzen aus heimischem Baumsaatgut vermehrten und lieferten.

Auf den Gemeinschaftsflächen stehen Eiche und Buche, Esche und Hainbuche, Bergahorn und Elsbeere. Auch mit fremden Arten, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen, experimentiert der städtische Forstbetrieb. Vom »dunklen Tann« werden sich die Deutschen verabschieden müssen, ihr Wald wird künftiger südländischer aussehen. In 50 Jahren, schätzt Krieb, werde man hier Waldgesellschaften »wie derzeit südlich der Alpen vorfinden«.

Ein Thema ist auch die Anpassung des Rehwildbestands, um die natürliche Verjüngung des Walds zu sichern. Dazu die Umweltdezernentin: »Hier sehen wir in Teilflächen des Stadtwalds in Bezug auf gegenläufige Interessen bei der Jägerschaft noch Handlungsbedarf.« Aufforstungsflächen, auf denen bislang kein Wald stand, sieht Weigel-Greilich innerhalb der dichtbesiedelten Gießener Gemarkungsgrenzen nicht. »Freie Flächen, ohne vorhandene Nutzungen aufgeben zu müssen, stehen nicht zur Verfügung.«

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