18. April 2019, 16:48 Uhr

Türkei-Haft

Gießener in türkischer Haft: Mutter von Behörden enttäuscht

Wegen Terrorverdachts sitzt der Gießener Patrick K. seit einem Jahr in türkischer Haft. Seine Mutter ist enttäuscht. Vor allem von den Behörden.
18. April 2019, 16:48 Uhr
Der Blick auf das Gefängnis nimmt Claudia S. mit. Hinter den Mauern sitzt ihr Sohn Patrick. (Fotos: Oliver Mayer-Rüth, ARD/pv)

Als Claudia S. aus der Ferne auf den Flachbau blickt, kommen ihr die Tränen. Dort unten, hinter den Gefängnismauern in der türkischen Einöde, sitzt ihr Sohn Patrick K. in Haft. Wegen Terrorvorwürfen muss der 30-jährige Gießener eine sechsjährige Strafe absitzen. »Ich vermisse ihn sehr«, sagt die Mutter. »Ich habe drei Söhne, und möchte alle drei auch wieder zusammen haben.«

Wer am Donnerstag das ARD-Morgenmagazin eingeschaltet hat, konnte sehen, wie sehr Claudia S. unter der Gefangenschaft ihres Sohnes leidet. Ein Kamerateam des ARD-Studios in Istanbul hat die 54-Jährige auf ihrer Reise in die Türkei begleitet. Es war erst das zweite Mal, dass sie ihren Sohn in der türkischen Haft besuchen konnte. Am Donnerstagmorgen, eine Nacht nach ihrer Rückkehr, hat Claudia S. mit dieser Zeitung über die Reise gesprochen.

»Es war sehr anstrengend. Wir mussten drei Flüge nehmen, um nach Elazig zu kommen.« In der 33 000 Einwohner großen Stadt im Osten der Türkei befindet sich das Gefängnis. Zuvor hatte Claudia S. eine Nacht in der evangelischen Gemeinde in Istanbul verbracht. Die Pfarrerin Gabriele Pace kennt Claudia S. noch von ihrem letzten Aufenthalt, zudem hat Pace kürzlich ihren Sohn im Gefängnis besucht. »Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden, alle waren nett zu mir.« Der Aufenthalt habe ihr auch Mut gemacht, da am Abend der bekannte Menschenrechtsaktivist Veysel Ok zum Essen gekommen sei. Ok, der schon den Journalisten Deniz Yücel vertreten hat, hält die Strafe für nicht rechtsmäßig. »Wir sind alle sehr froh, dass er sich nun um Patrick kümmert«, sagt Claudia S.. Allerdings habe ihr Ok auch eine schlechte Nachricht übermittelt. Demnach ist der anfangs verantwortliche Pflichtanwalt nicht in die zweite Revision gegangen, obwohl er das sowohl ihr als auch ihren Sohn gesagt habe, betont Claudia S. »Dadurch haben wir viel Zeit verloren. Zum Glück hat Herr Ok das nachgeholt.«

Nach der Nacht in Istanbul ging es dann nach Elazig. Hier habe gleich die nächste Hiobsbotschaft gewartet, sagt die 54-Jährige. »Die Botschaft hat uns nicht die richtige Uhrzeit für den Besuchstermin genannt.« Schlussendlich habe sie mehrere Stunden warten müssen, bis sie das Gefängnis betreten durfte. Doch am Mittag war es dann soweit, Claudia S. konnte ihren Sohn in die Arme schließen. »Im Besuchsraum ging es recht locker zu, es gab keine Trennwand oder ähnliches.« So unterhielten sich Mutter und Sohn 40 Minuten lang. Claudia S. erfuhr, dass es ihren Sohn den Umständen entsprechend gut gehe, dass er viel Sport treibe und mit den Mitinsassen einigermaßen auskomme. Lediglich ein Wärter mache ihm das Leben schwer. »Er spricht ihn nicht mit Namen an, sondern benutzt nur Schimpfwörter, ›Nazi‹ zum Beispiel«, sagt Claudia S..

Die Reise in die Türkei hat der Mutter gut getan. Sie konnte ihren Sohn umarmen, mit ihm reden, auch der Kontakt mit Anwalt Veysel Ok und Pfarrerin Gabriele Pace haben ihr Mut gemacht. Aber Claudia S. ist auch wütend. »Die Hilfe der Botschaft ist bestenfalls grenzwertig«, sagt sie; zudem vermisst sie die Unterstützung durch die deutschen Behörden. »Keiner setzt sich für Patrick ein.« Die Mutter kann das nicht verstehen. Denn sie ist weiterhin felsenfest überzeugt: »Mein Sohn ist unschuldig.«

Info

Im Sperrgebiet verhaftet

Am 14. März 2018 wird Patrick K. in einem militärischen Sperrgebiet aufgegriffen haben. Die Behörden werfen dem 30-Jährigen vor, er hätte die Grenze nach Syrien überschreiten und sich der Kurdenmiliz YPG anschließen wollen. Freunde und Familie betonen hingegen, es müsse sich um ein Missverstädnnis handeln, Patrick K. habe in der Türkei lediglich wandern wollen. Nachdem sein Hotelzimmer aufgebrochen worden sei, habe ihn ein Mann per Anhalter mitgenommen und in dem Sperrgebiet ausgesetzt. Das Gericht sieht es anders, auch wegen einer angeblichen E-Mail, die der Gießener den Kämpfern geschickt haben soll. Am 26. Oktober verurteilen ihn die Richter zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten.

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