06. Mai 2016, 18:43 Uhr

Gießens Sherlock Holmes

Gießen (chh). Schon wieder Überstunden? Noch eine Geschäftsreise? Stau? Oder hat es mit »Berufsverkehr« vielleicht etwas ganz anderes auf sich? Solchen Fragen gehen Privatdetektive nach. Wir haben einen getroffen – und erfahren, dass der Gießener neben untreuen Eheleuten vor allem Angestellte ins Visier nimmt.
06. Mai 2016, 18:43 Uhr
(Foto: Christoph Hoffmann)

Sherlock Holmes, Jim Rockford, Thomas Magnum: Erfolgreiche Privatdetektive, wahre Meister ihres Fachs. Und vor allem: Wohlklingende Namen, die bei vielen Menschen Erinnerungen wecken. An Rafael Wojdylo werden sich hingegen die wenigsten erinnern. Und das ist dem Gießener nur recht. Er musste lange überlegen, ob er seinen Namen überhaupt verraten will, fotografieren lässt er sich schon gar nicht. Holmes trägt Mantel und Deerstalker-Mütze, Magnum Schnäuzer und Hawaii-Hemd. Der 33-jährige Gießener mit dem jugendlichen Gesicht begnügt sich mit Jeans und Daunenjacke. Das letzte, was er will, ist aufzufallen. »Das könnte schlecht fürs Geschäft sein.«

Auch Wojdylo ist Privatdetektiv. Er verdient sein Geld durch untreue Ehemänner, diebische Mitarbeiterinnen und Angestellte, die sich für einen Trip in die Berge krankschreiben lassen. Aber auch illegale Müllentsorgung, Versicherungsbetrug und Schwarzarbeit gehören zu seinen Aufgaben. Wojdylo sucht keine verschwundene Juwelen, er beschäftigt sich mit den alltäglichen Verfehlungen in unserer Gesellschaft. Und davon gibt es viele.

»Gestern hatten wir eine Mitarbeiterüberwachung, kommende Woche steht die nächste an«, sagt Wojdylo. Details könne er nicht nennen. Manchmal müsse er herausfinden, ob ein Mitarbeiter nebenher für ein anderes Unternehmen arbeite. Meistens gehe es darum, ob der Krankgeschriebene auch krank sei. Lohnfortzahlungsbetrug nennt sich das. Wojdylo kennt sich aus, der Betriebswirt hat die Diplomarbeit darüber geschrieben.

Mit den Detektivserien aus dem Fernsehen habe seine Arbeit kaum etwas zu tun. »Wir sitzen meistens stundenlang im Auto und warten. Das ist nicht sonderlich aufregend.« Eine One-Man-Show á la Rockford gebe es im wirklichen Leben auch nicht. »Spätestens bei der ersten roten Ampel wäre die Zielperson verschwunden. Daher sind immer zwei, meistens vier Personen an der Observation beteiligt. Wir wechseln auch regelmäßig die Fahrzeuge.«

So auch bei einem seiner jüngsten Fälle: »Ein Mann hat seine Freundin immer wieder um Geld gebeten, zum Beispiel für das Auto. Irgendwann wurde sie misstrauisch. Wir haben dann herausgefunden, dass er gar kein Auto hat – dafür aber eine Familie in einer anderen Stadt.« Sein größter Fall hingegen klingt erst einmal unspektakulär: Ladendiebstahl. »Allerdings war der Warenwert außergewöhnlich hoch.« Wojdylo und sein Team mussten die Zielpersonen über einen langen Zeitraum beschatten. Details über die Täter will er nicht verraten. »Ich kann lediglich bestätigen, dass es ein Insider-Job war.«

Rechtlich eine Grauzone

Aber ist das nicht ein Fall für die Polizei? »Meist wenden sich die Eigentümer an uns, weil die Beamten nicht viel machen können. Sie können weder Einheiten abstellen noch tagelang observieren.« Sein Team hingegen habe diese Möglichkeit. Wie er im Detail vorgeht, sagt Wojdylo nicht. Nur so viel: Leistungsstarke Ferngläser, Nachtsichtgeräte und riesige Objektive sind Grundausstattung.

Aber auch Privatdetektiven seien Grenzen gesetzt. Stichwort Persönlichkeitsrechte. Wenn Wojdylo einen mutmaßlichen Fremdgeher observiert, darf er weder Wanzen noch GPS-Geräte einsetzen. Durchs Schlafzimmerfenster fotografieren, sei ebenfalls tabu. »Selbst wenn sich die Zielperson mit einer Frau auf einem Feldweg vergnügt, machen wir keine Fotos.« Die Observierung von Menschen sei rechtlich eine Grauzone, umso wichtiger sei es, sich an die Regeln zu halten. »Viele Privatdetektive mussten ihre Büros schließen, weil sie das Recht überschritten haben und verklagt worden sind.« Abgesehen davon seien auf diese Art beschaffte Beweise vor Gericht nicht verwertbar. Und darum gehe es in den meisten Fällen schließlich. »Bei der ganzen Fremdgeh-Sache zum Beispiel dreht es sich meistens darum nachzuweisen, wer der Scheidungsverursacher ist. Da geht es oft um viel Geld.« Ein nicht allzu kleiner Teil davon landet in Wojdylos Tasche. »Ich kann gut davon leben.«

Womöglich half das auch, seine anfänglichen Skrupel zu überwinden. Dem Gießener fiel es zunächst schwer, Scheidungen zu besiegeln und Arbeitsverhältnisse zu beenden. Mit der Zeit habe sich sein Blickwinkel jedoch verändert. »Ich fingiere nichts. Die Leute sind selbst verantwortlich für das, was sie tun.« Abgesehen davon seien krankfeiernde Arbeitnehmer nicht nur schädlich fürs Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter. »Wenn jemand ›blau» macht, hat das Auswirkungen auf die Kollegen. Sie müssen seine Arbeit übernehmen. Und Diebstähle im Betrieb – seien sie auch noch so klein – können auf Dauer Arbeitsplätze gefährden.«

Wojdylos Job hingegen dürfte dank der Fehlbarkeit der Menschen sicher sein. Er braucht keinen Helicopter wie Thomas Magnum, auch keine extravaganten Verkleidungen wie Sherlock Holmes. Was Wojdylo benötigt, sind leistungsstarke Ferngläser, Nacht-sichtgeräte und riesige Kameraobjektive und ein wenig Geduld. Der nächste untreue Ehemann, die nächste krankfeiernde Angestellte kommt bestimmt. (Foto: Schepp)

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