27. Juni 2017, 19:40 Uhr

Gitarren made in Rödgen

Gregor Meyle hat eine. Deep-Purple-Gründer Ritchie Blackmore auch. Und selbst das koreanische Fingerstyle-Phänomen Sungha Yung hält auf seinen Videos eine Lakewood-Gitarre in den Händen. Kaum zu glauben, dass alle diese Instrumente in einer ehemaligen Zigarrenfabrik in Rödgen gefertigt wurden.
27. Juni 2017, 19:40 Uhr
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Von Karola Schepp

Schon wer das weiß gestrichene Backsteingebäude in der Rödgener Ortsdurchfahrt betritt, wird von sanfter Gitarrenmusik empfangen. Es duftet angenehm nach Holz, im Hintergrund sind leise Maschinengeräusche zu hören. Wer über die Treppe in den zweiten Stock steigt, sieht sie dann in einem Raum stehen: Dutzende von Gitarren, sicher eingepackt in schwarzen Taschenkoffern oder offen in Regalen stehend. »Das sind Gitarren, die wir auf Kundenwunsch gefertigt haben«, erzählt Markus Hoppe, der sich als Mitgesellschafter um Marketing und Vertrieb der Instrumente kümmert.

Firmengründer Martin Seeliger sitzt derweil in einem Nebenraum am Computer und macht Büroarbeit. Vor 31 Jahren hat er das Abenteuer Lakewood gestartet. Eine Ausbildung als Gitarrenbauer hatte der Mann aus Kassel da schon in der Tasche und verkaufte und reparierte in seinem Musikladen »Saitensprung« in der Gießener Liebigstraße Instrumente, auch Konzertgitarren aus eigener Fertigung. Deutschland war damals ein Land der Konzertgitarren, Westerngitarren kamen ausschließlich aus den USA. Doch Seeliger wollte das ändern und begann mit dem Bau von Stahlsaitengitarren.

Martin Seeliger als Gründer

»Martin ist schon immer gut vernetzt gewesen in der Branche«, berichtet Hoppe und erzählt, dass einer von Seeligers Bekannten aus dem Vertrieb zwei seiner Außendienstler mit zwei Seeliger-Gitarren losgeschickt hatte. »Die kamen mit 400 Bestellungen zurück und Martin stand alleine da mit seiner kleinen Werkstatt im Schiffenberger Weg, einer früheren Autowerkstatt.« Mit zwei Helfern arbeitete Seeliger die ersten zwei Jahre diese Mammutbestellung ab. »Im Prinzip war da die Tür aufgestoßen für eine kleine serielle Fertigung«, erinnert sich Hoppe.

Ein Name für das kleine Unternehmen, das von Beginn an mit Gitarren made in Deutschland auch international den Markt erobern wollte und 1988 nach Rödgen umzog, war leicht gefunden. Seeliger ließ einfach seinen Finger über eine Karte der USA streifen und landete beim kleinen Städtchen Lakewood am Erie-See. »Das ist ganz witzig: Damals wollte Martin, dass der Name die Assoziation zum amerikanischen Nordwesten hat, und heute müssen wir immer promoten, dass wir eine deutsche Firma sind«, sagt Hoppe, der seit 16 Jahren im Betrieb ist.

Lakewood wurde zur echten Erfolgsgeschichte: Wurden im Jahr 2000 noch rund 750 Gitarren hergestellt, sind es heute zwischen 1300 und 1400 Instrumente pro Jahr. Die aktuelle Seriennummer liegt deutlich über 27 000, aktuell sind 18 Mitarbeiter – »Holzwürmer«, wie Markus Hoppe sie scherzhaft nennt – beschäftigt. Und schon stößt die kleine Manufaktur in der einstigen Zigarrenfabrik an ihre räumlichen Grenzen. 600 Quadratmeter Lager- und Werkstattkapazitäten wurden in Alten-Buseck bei einer Schreinerei dazugenommen, denn in Rödgen muss das Unternehmen schon jetzt jeden Quadratzentimeter nutzen. Lange vorbei sind die Zeiten, als Seeliger noch mit seiner Familie im Obergeschoss wohnen konnte, während unten in der Werkstatt Gitarren gebaut wurden.

1400 Gitarren pro Jahr

Es dauert rund sechs Wochen – netto, also ohne Ruhe-, Trockungs- oder Leimzeiten etwa 13 Arbeitsstunden –, bis eine Lakewood-Gitarre fertig gebaut ist. Für jeden einzelnen Arbeitsschritt gibt es Spezialisten: gelernte Gitarrenbauer und Schreiner, aber auch zwei Quereinsteiger. Anna Kraus kümmert sich beispielsweise um die Hälse und fräst die individuellen Verzierungen, Friedemann Beck drückt metallene Bänder als Griffbrettbundierungen hinein. Knut Wagner hat den Korpusbau übernommen setzt mit Akribie und großer Gelassenheit Decke und Boden zusammen. Philipp Funk macht die Instrumente lackierfähig.

Wie ihre Gitarre einmal aussehen soll, können Kunden direkt auf der Homepage über einen Gitarrenkonfigurator zusammenstellen. Formell wird die Bestellung aber noch über einen Laden abgewickelt. »Jede vierte Gitarre ist heute eine spezielle Kundenanfertigung«, erzählt Markus Hoppe. Meist sind es optische Dinge, die die Gitarre zum individuellen Instrument machen: Schalllochverzierungen, Kopfplatteneinlagen, Abalone-Einfassungen, Zierspäne aus Edelhölzern. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. So hat schon mal ein Jäger Einlegearbeiten aus Walrosszahn in Auftrag gegeben, andere Musiker wollten ihr Bandlogo – einen Grabstein mit Sonnenuntergang – auf der Gitarre haben. Im Moment geht der Trend aber eher zum natural look, zu matteren Lackierungen und weniger Perlmutteinlagen.

Viel läuft über die Optik der Hölzer und da gibt es jede Menge Auswahl, wobei Lakewood großen Wert auf die Herkunft des Rohstoffs legt und mit einem bewährten festen Händlerstamm arbeitet. Aber das kleine Unternehmen bietet in Sachen Gitarrenbau auch so manche Innovation an. Aktuell ist sogar eine Gitarre aus Eiche im Programm, gefertigt aus Holzabschnitten, die beim Bau von französischen Barrique-Fässern anfallen. »Eiche klingt erstaunlich gut. Jetzt muss man nur noch die Konvention brechen, denn die Leute sind da eher skeptisch«, meint Hoppe.

Heimische Hölzer als Alternative

Aber auch Pflaumenholz oder Ulme bieten sich je nach Bauteil als Alternative zu exotischen Hölzern wie Palisander, Ebenholz, Cocobolo oder Koa an. Trendsetter kann Lakewood da nur bedingt sein. Dafür ist der Gitarrenbaubetrieb im Vergleich zu der Massenfertigung aus USA und China, wo an einem Tag so viele Gitarren gebaut werden, wie in Rödgen in einem Jahr, doch noch nicht groß genug.

»Die Gitarre muss von Anfang bis Ende tip-top sein«, berichtet Markus Hoppe. Präzision made in Rödgen ist eben weltweit gefragt. 60 Prozent der Instrumente verkauft Lakewood in Deutschland, 40 Prozent ins Ausland. Und dabei boomt vor allem der asiatische Markt. Daher werden Seeliger und Hoppe in Kürze zu einer Tour durch Länder wie China, Japan, Taiwan oder Thailand aufbrechen: »Acht Länder in 14 Tagen« warten auf die Gitarrenbauer aus Rödgen – manchmal kann man kaum glauben, dass ein kleiner Betrieb aus Rödgen soviel Gitarrenwohlklang in die Welt bringt.



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