27. Juni 2018, 22:12 Uhr

»Grimmer Tod, gib mir noch Zeit«

27. Juni 2018, 22:12 Uhr
Wenn der Sensenmann (r.) kommt, ist Schluss mit Party. (Foto: dkl)

Gießen (dkl). Die historischen Theaterstücke, die Prof. Cora Dietl seit gut zehn Jahren auf die Bühne bringt, haben alle irgendwie mit dem christlichen Glauben zu tun. Dieses Mal kreist das nachreformatorische Spiel um die Fragen, was ein angemessener Lebensstil und wie wichtig eine gute Erziehung ist. Es ist ein Memento Mori, eine Mahnung des Menschen an seine Sterblichkeit.

Der Abendtermin war gut getroffen. Die Temperatur war wieder angenehm, die Bühne im Botanischen Garten vom Sonnenlicht erhellt, das Theaterspiel von den hier lebenden Tieren aufs Angenehmste begleitet. Zunächst pirschte sich eine schwarze Katze heran und lauschte dem Prediger, machte es sich auf dem Treppchen gemütlich, zog aber unter dem zunehmenden Lärm weiter. Krähen krächzten passend zum ersten Auftritt des Todes als Sensenmann und die Amseln tirilierten um die Wette, als der Jüngling sich geläutert gab. Und tatsächlich, als dessen Gesellen ein Gelage feierten, tönte von außerhalb des Gartens Fußballgegröle herein.

Publikumsbefragung

Bislang hat Dietl alle Stücke überarbeitet und für heutige Ohren verständlich gemacht. Nun nimmt sie teil an einem »internationalen Forschungsprojekt zu Moralitäten der Frühen Neuzeit als Formen der Vermittlung europäischer Werte«. Dazu gehört, das Theaterspiel des 16. Jahrhunderts (zumindest sprachlich) unverändert aufzuführen und das Publikum im Anschluss nach seiner Meinung zu fragen. Also füllten die Premierenbesucher erst einen Fragebogen aus, bevor sie am Ende zum labenden Getränk eilen konnten.

Das Spiel von Johannes Kolroß mit dem Titel »Von fünferlei Betrachtungen, die den Menschen zur Buße reizen« wurde Ostern 1532 im reformierten Basel uraufgeführt. Die Geschichte ist nicht kompliziert und ließe sich auf eine halbe Stunde kürzen, so Dietl. Ein junger Mann nimmt die österliche Heilsbotschaft so ernst, dass er ohne Ende Party machen will. Als ihn eine Herzattacke niederstreckt, erhält er eine neue Chance und wird fromm. Was das Gespött der alten Freunde hervorruft und ihn zum Zielobjekt für verschiedene Versuchungen macht.

Dank der vielen Monologe dauert das Stück 90 Minuten. Zum Glück für das Publikum sind Jungfrau, Narr und Teufel zugegen. Die drei Gesellen tummeln sich hemmungslos am Bühnenrand, ziehen die allzu moralinsauren Predigten mit Gesten und Mimik ins Komische. Nur am Ende, wenn der Sensenmann vorbeischaut und auch sie mit dem Tod bedroht, dann wird’s eng.

Überraschend an dem Stück ist die sehr konkrete Erziehungsanleitung. Ein Knabe verbringt die Zeit mit Würfelspielen und haut andere (Zuschauer) dabei übers Ohr. Deswegen gescholten erklärt er, von seinen Eltern nichts gelernt zu haben, weder Beten noch Benimm. Das ist die Steilvorlage für die letzten Predigten, die aus einem flammenden Appell an die Eltern bestehen, sich um ihre Kinder zu kümmern. Wer sich je mit dem von Armut, Not und Krieg geprägten Lebensalltag des 16. Jahrhunderts beschäftigt hat, der weiß, wie vergeblich so ein Appell damals gewesen sein muss. So scheint sich dieses Stück in seiner Allgemeingültigkeit mehr an uns Heutige zu wenden.

Wenn der Sensenmann kommt...

Direkt an die Besucher wenden sich die Spieler, sei es mit einigen symbolhaften Objekten und sogar einem Bilderreigen. Mal dürfen die Zuschauer ein Tänzchen wagen oder der Teufel pickt sich Gesellen heraus, deren Laster beklatscht wird. Adrian Verscharen geht voll auf in der Rolle des diabolischen Verführers. Mit seinem Stimmvolumen erreicht er auch die letzten Reihen, mit hohem Körpereinsatz und großer Gestik hat er überzeugende Präsenz.

Den quirlig lustigen Teil übernimmt wieder mal Melissa Heerz, die als bunt gekleideter Narr mit Schelle alle aufmischt. Christine Kluge gibt den humorbefreiten Pfarrer, der am Ende seine eigenen Regeln missachtet, und Cora Dietl hat in den sauren Apfel gebissen: sie muss die längsten Predigten halten. Mike Hedrich ist der feiersüchtige Jüngling und der Knabe. Von den Neuen gibt Sandra Silbach den Herold und wandert als Tod umher, während die blonden Maren Störling und Aylin Tongün wahlweise Engel, Jungfrau und Chor darstellen.

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