24. Januar 2019, 21:19 Uhr

Große Klappe, viel dahinter

Ohne Ehrenamtliche sähe unsere Gesellschaft anders aus. Soziale Organisationen und Vereine sind auf Helfer angewiesen. Für Angelika Nailor ist die Vermittlung solcher Freiwilliger Beruf und Berufung zugleich. Sie findet für jeden Topf ein Deckelchen.
24. Januar 2019, 21:19 Uhr
Angelika Nailor ist Geschäftsführerin des Vereins Ehrenamt. Wer etwas Zeit übrig hat, ist bei ihr richtig. (Foto: Schepp)

Die Menschenschlange ist lang, bunt und beeindruckend: Einmal im Jahr feiert der Verein Ehrenamt seine vielen freiwilligen Helfer. Für den GAZ-Fotografen Oliver Schepp stellen sie sich in einer Reihe auf, langsam lässt er die Kamera über die Gesichter gleiten. Das Video zeigt 150 fröhliche Frauen und Männer, die sich engagieren in ihrer Stadt. Dass sie an Bord sind, ist nicht nur, aber auch Angelika Nailor zu verdanken. Die 64-Jährige ist Geschäftsführerin des Vereins und betreibt diesen Job mit so viel Energie, als hinge ihr Leben davon ab. Zum einen verhilft sie Menschen zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit, zum anderen treibt sie Projekte voran, in deren Mittelpunkt freiwilliges Engagement steht. Die »Grünen Engel«, die Sicherheitsberater, das Programm »Ehrenamtslotsen« und vieles mehr gehören dazu. Als Nailor vor gut zehn Jahren den Posten übernahm, hat sie nicht im Traum daran gedacht, dass aus diesem Halbtagsjob im Büro mal eine Lebensaufgabe werden würde, für die sie brennt. »Ich freue mich auf jeden neuen Tag«, sagt sie.

Dabei hatte das »Gießener Mädchen« lange mit seiner Heimatstadt nicht viel am Hut. »Ich lebte in einer anderen Welt«. Diese Welt war das amerikanische Gießen. Damit hatte die kleine Angelika schon als Kind erste Erfahrungen gemacht. Da sie aus einer kinderreichen Familie stammte, war sie zu den legendären Weihnachtsfeiern eingeladen. Glanz und Glitter, Schokolade, Kaugummi und Erdnussbutter, das waren Köstlichkeiten, die es Ende der 50er nicht gab in Mittelhessen. Und schon gar nicht bei Familie Heidt. Der Vater war Lokomotivführer und besserte das Familienbudget in einer Musikcombo auf, die Mutter sorgte zu Hause dafür, dass es den Kindern an nichts fehlte. Im großen Garten wurde Gemüse angebaut und Kaninchen und Hühner gehalten. Die Kinder mussten immer mit anpacken. »Ich habe früh gelernt, dass man für alles im Leben arbeiten muss«. Und dass man den Mund aufmachen sollte, wenn einem etwas wirklich wichtig ist – für sich und andere. Als ältestes von sieben Geschwistern hat sie früh Verantwortung übernommen und war gleichzeitig die Vorkämpferin. Diese Rolle prägt sie bis heute.

Nach dem Schulabschluss hat sie »bei den Amis« gearbeitet und sich immer sehr wohlgefühlt in diesem offenen, toleranten Klima. Sie machte Karriere. Angefangen hat sie mit einem Aushilfsjob im US-Depot, gegangen ist sie als Assistentin der Geschäftsleitung des Versorgungszentrums. Auch ihren Mann hatte sie im Depot kennengelernt. Die Ehe hielt zwar nur drei Jahre, doch ging aus ihr Sohn Kristopher hervor. »Das beste, was mir in meinem Leben passiert ist«, sagt sie. Er und Enkel Tyler sind ihr größer Schatz.

Die vielen Fort- und Weiterbildungen, die Ausbildung zur Bürokauffrau mit IHK-Abschluss, ihr perfektes Englisch – all das nützte ihr nichts, als der Standort 2007 geschlossen wurde. Bei der feierlichen Verabschiedung fasste sie sich ein Herz. Sie sprach den damaligen Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann an. »Wenn hier die Lichter ausgehen, brauche ich einen Job«. Er versprach zu helfen. Als sich sein Büro kurze Zeit später tatsächlich meldete, war sie kolossal erstaunt. Die Stadt war gerade dabei, die Strukturen der Aufsichtsjobs in Museen neu zu ordnen, außerdem wollte man das Ehrenamt stärken und plante die Gründung eines Vereins. Nailor sagte zu – und war kurze Zeit später infiziert. Infiziert von den Zielen des Vereins, von den bereits bestehenden Netzwerken in Gießen, von den Möglichkeiten, die sich Menschen bieten, die einen Teil ihrer Zeit für die Gemeinschaft aufbringen möchten.

Nailor kniete sich in ihre neue Aufgabe hinein. Sie erkannte schnell, dass man nicht alles vom Schreibtisch aus richten kann. Also ging sie dahin, wo sich viele Menschen treffen. Sie besuchte Veranstaltungen und Vereine, stellte sich vor und knüpfte Kontakte. Sie ging mutig in die Offensive – mal wieder. »Große Klappe, aber es ist auch was dahinter«, sagt sie und lacht. Ein bisschen Gießener Schlappmaul, ein bisschen amerikanische Direktheit und eine große Portion Charme, mit dieser Kombination hat sie in den vergangenen zehn Jahren viel erreicht.

Außerdem bildete sie sich in Sachen Freiwilligenarbeit fort, um ihrem Job ein solides Fundament zu geben. Eines der ersten großen und zudem erfolgreichen Projekte war der von der EU geförderte Austausch von Senioren aus Gießen und der Partnerstadt Ferrara. Die 64-Jährige wird nicht müde, sich über das Engagement der Ehrenamtlichen zu freuen. »Jeder ist wichtig, ganz egal, an welchem Ort und mit welchem Zeitaufwand«. Und jeder kann etwas tun. Daher kann sie auch eines gar nicht leiden: Nörgeln und meckern. Natürlich kann man sich unentwegt über alles mögliche beschweren, räumt sie ein, es gibt genug, was nicht rund läuft. Man kann aber auch die Ärmel hochkrempeln und versuchen, etwas zu ändern. Wer eine Idee braucht: Ein Anruf genügt. Angelika Nailor findet für jeden Topf ein Deckelchen.

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