29. März 2011, 20:30 Uhr

Großes Fragezeichen hinter Bänninger-Konzept

Gießen (mö). Diese 60 Seiten könnten der Todesstoß für das Konzept zur Besiedlung der Bänninger-Industriebrache im Schiffenberger Tal sein.
29. März 2011, 20:30 Uhr
Hinter der Besiedlung der Industriebrache Bänninger steht nicht nur wegen der Wahl ein großes Fragezeichen. (Foto: Henß)

Das nunmehr vorliegende Gesamtgutachten der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) formuliert erhebliche Bedenken gegen die geplanten gut 10 000 Quadratmeter Einzelhandels-Verkaufsfläche und insbesondere den vorgesehenen Mix mit den beiden Schwerpunkten Lebensmittel und Sportartikel. Ganz entscheidend dürfte der Verweis der Gutachter auf die noch laufende Fortschreibung des Konzepts für den Einzelhandelsstandort Gießen insgesamt sein. Das Bänninger-Vorhaben würde sich »nicht in die Empfehlungen des aktuell in Bearbeitung befindlichen Einzelhandelskonzeptes einfügen«, winken die Gutachter mit dem Zaunpfahl.

Auf gut Deutsch heißt das: Das Projekt Bänninger steht mit seiner gegenwärtigen Konzeption im Widerspruch zu den Anforderungen an die zukünftige Entwicklung von Gießen als Einkaufsstadt. In diesem Zusammenhang spielt die von GMA formulierte Ausgangslage unter dem Stichwort »Wettbewerbssituation« eine wichtige Rolle. Schon jetzt verfüge Gießen über eine »stark überdurchschnittliche Verkaufsflächenausstattung«, heißt es da. Auch ohne die Bänninger-Flächen zeige sich bereits heute in den Sortimenten Nahrungs- und Genussmittel, Drogeriewaren und Sportartikel ein »deutliches Überangebot«. Lediglich bei den Sortimenten Heimwerker, Bauen und Gartenbedarf gebe es flächenmäßig noch Luft nach oben.

Die Gutachter, die Umsatzverteilungen in einer Größenordnung von um die 30 Millionen Euro prognostizieren, lassen es in ihrem Fazit an Mahnungen nicht fehlen. Die Realisierung des untersuchten Vorhabens würde »im Wesentlichen zu einer Umverteilung innerhalb der Stadt Gießen« führen und kaum zusätzliche Kaufkraft binden, heißt es.

Es kann auch nicht mehr die Rede davon sein, dass Bänninger die Innenstadt nicht tangiert. Zitat: »Neben der Beeinträchtigung von zentralen Versorgungsbereichen (vor allem Hauptzentrum Innenstadt, Nahversorgungszentrum Frankfurter Straße, Nahversorgungslagen Wieseck und Marburger Straße) werden starke wettbewerbliche Effekte prognostiziert«. Keine »wesentlichen Beeinträchtigungen« sehen die Gutachter nur für das Gießener Umland.

Zudem wird angemerkt, dass das Konzept in Teilen nicht in Einklang zu bringen ist mit den »wesentlichen Zielen der Raumordnung und Landesplanung (...) in Verbindung mit dem Regionalplan Mittelhessen 2010«. Erfüllt mit der Ansiedlung wird lediglich das »Zentralitätsgebot«, da Gießen ein Oberzentrum ist. Der Standort selbst wird bei isolierter Betrachtung von den Gutachtern zudem als »grundsätzlich geeignet« für großflächige Handelsnutzungen angesehen, sei das Schiffenberger Tal doch ein »etablierter Einzelhandelsstandort«, der verkehrlich gut erreichbar sei. Städtebauliche und versorgungsstrukturelle Aspekte schränkten die Standortqualität aber ein. Die Lage sei - in Distanz zur City und der Wohnbebauung - als »reiner Pkw-Standort zu werten«.

Aus dem Gutachten geht jetzt auch deutlich hervor, was in dieser Zeitung bereits vor rund zwei Wochen zu lesen war. Die Ansiedlung eines Sportfachmarkts der Kette Intersport mit 5000 Quadratmeter Verkaufsfläche, davon 4000 Textil und Schuhe, würde nicht nur Intersport in der Galerie Neustädter Tor, sondern natürlich auch die Sportabteilungen von Karstadt und Kaufhof, den Outdoor-Anbieter Tapir und die Radfachgeschäfte »in nicht unerheblichem Maße« treffen. Sie müssten sich auf Umsatzeinbußen in einer Größenordnung von insgesamt bis zu 2,5 Millionen Euro einstellen. Wie es in dem Gutachten heißt, stelle der geplante Sportfachmarkt auf dem Bänninger-Gelände eine Verlagerung und Erweiterung des bisherigen Intersports auf der anderen Seite des Schiffenberger Wegs dar. Für diesen Standort wiederum ist ein großer Fahrradfachmarkt im Gespräch.

Als Alternative zum gegenwärtigen Konzept, das ungeachtet des Wahlausgangs angesichts der von GMA formulierten Bedenken wohl politisch nicht mehr durchsetzbar ist, wird die Ansiedlung eines großen Gartenfachmarkts ins Spiel gebracht. Diesbezüglich sehen die Gutachter nämlich keine negativen Auswirkungen.

Fraktionen lag Gutachten nicht vor

Wie berichtet, hatte die Stadtverordnetenversammlung noch in alter Zusammensetzung am vergangenen Donnerstag den Vorentwurf des Bebauungsplans »Bänninger-Gelände« nach kontroverser Debatte mit den Stimmen von CDU, Grünen, FDP und Freien Wähler gebilligt. Zum Zeitpunkt der Beschlussfassung lag den Fraktionen nur ein Teilgutachten vor, das alleine die Ansiedlung eines Edeka-Markts mit 4000 Quadratmeter Verkaufsfläche beleuchtete. Seit Montag nun steht das Gesamtgutachten zu Bänninger im Rahmen der Trägerbeteiligung zum Bebauungsplan auf der Internetseite der Stadt (www.giessen.de). Ob das Gutachten den Fraktionen im Vorfeld der Parlamentssitzung hätte vorgelegt werden können, ist unklar. Als Zeitpunkt der Fertigstellung steht auf dem Deckblatt der Studie »März 2011«.

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