15. Oktober 2018, 22:06 Uhr

Häuserkunst und Stadtgeschichte

15. Oktober 2018, 22:06 Uhr
Kai Krieger stellt ein Kunstwerk des Street Artisten Charlie Anderson vor. (Foto: rha)

In der Marktstraße versuchen drei Taschenlampen den Mond zu stehlen. In der Katharinengasse hängt noch der Rest eines Traums, und gleich um die Ecke hat sich eine echte Ikone mit einer großen Katze verewigt. Wer weiß, wo er hinschauen muss, entdeckt an Gießens Fassaden so manches Kunstwerk mit einer außergewöhnlichen Geschichte dahinter. Bei einem Rundgang mit dem Street-Art-Künstler Kai Krieger von 3steps und der Stadtführerin Dagmar Klein lernen knapp 40 Gießener am Sonntag ebenso kunstvolle wie geschichtsträchtige Ecken ihrer Stadt kennen.

»Man guckt ja viel zu selten nach oben«, bemerkt eine Frau am dritten Halt in der Nähe des Marktplatzes und legt den Kopf in den Nacken, um ein Gemälde des Künstlers M-city zu betrachten. Der polnische Street Artist hat ein hochformartiges Bild mit drei Taschenlampen entworfen, die nach dem Mond greifen. Dahinter steckt keine verrückte Idee, sondern der Wunsch, auf das Thema Lichtverschmutzung aufmerksam zu machen. »M-city hat sich vorher auch den Standort ganz genau angeschaut«, erzählt Krieger. Die Innenstadtnähe sei dem Künstler wichtig gewesen, weil dem Mond und den Sternen dort mit der künstlichen Beleuchtung viel von ihrer Strahlkraft genommen werde.

Offener Blick lohnt sich

Denn schönere Fassaden sind nur ein Aspekt der Street Art. »Wir werten die Stadt auch kulturell auf«, sagt Krieger. »Das ist quasi eine Schulung in zeitgenössischer Kunst.« Und die ist nicht immer leicht zu ermöglichen. Damit überhaupt Künstler nach Gießen kommen, müssen Krieger und seine Mitstreiter zuerst geeignete Hausflächen ausfindig machen. Eigentümer, Anwohner und Ämter müssen überzeugt und die Finanzierung muss gestemmt werden. An vielen Stellen ist 3steps das bereits gelungen – das Stadtbild wird bunter und bunter. So führt die Tour in einem großen Schlenker durch die gesamte Innenstadt, vorbei an collageartigen Werken, an präzisen geometrischen Bildern, bis hin zu kalligrafischen Arbeiten.

Das River-Tales-Festival hat sich einen Namen gemacht und zieht inzwischen viele bekannte Street-Art-Künstler aus aller Welt nach Gießen. So hat beispielsweise der Franzose C215, der in der Szene für seine Schablonengraffitis angesehen ist, eine Wand in der Kinogasse gestaltet. Unweit davon hat der kolumbianische Street Artist Stinkfish die Fassade des Kinocenters mit prägnanten Farben aufgewertet. Nach einigen Stationen streift der Blick der Rundgänger schon routiniert die Hausfassaden ab. Wo verstecken sich weitere Kunstwerke? Wo könnten noch neue entstehen? Die Tour eröffnet plötzlich ganz neue Blickwinkel auf die Stadt.

Doch nicht nur für Kunstliebhaber ist der Rundgang etwas Besonderes. »Etwa die Hälfte des Wegs gehört nicht zum Standard unserer normalen Stadtführungen«, sagt Dagmar Klein. Sie liefert immer wieder interessante Einblicke in die Geschichte bestimmter Häuser oder Straßenzüge. So erfährt die Gruppe zum Beispiel, nach wem die Johannette-Lein-Gasse benannt ist und wo sich noch heute Relikte des mittelalterlichen Gießens entdecken lassen.

Zwischen den historischen Spuren und den modernen Kunstwerken bleibt die Erkenntnis: Es lohnt sich, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen – und den Blick manchmal auch in die Höhe schweifen zu lassen.

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