31. Juli 2019, 21:26 Uhr

Hafer aus Pferdeäpfeln gekratzt

31. Juli 2019, 21:26 Uhr
Auch die Luftangriffe auf Gießen im Zweiten Weltkrieg sind Thema einiger Geschichtswettbewerb-Arbeiten. (Foto: Stadtarchiv)

»Viele Ältere sagen, dass Gießen früher viel schöner war. Das konnten wir uns gar nicht vorstellen«, schreiben die Sechstklässlerinnen Emely Schmidt und Josefine Nink in ihrem Beitrag für den Geschichtswettbewerb. Insgesamt 26 Arbeiten haben Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums und der Brüder-Grimm-Schule zum Oberthema »Krise, Aufbruch, Umbruch« verfasst. Zwölf davon befassen sich mit der Nazi-Zeit, dem Zweiten Weltkrieg und den Folgen. Deutlich wird darin: Für heutige Jugendliche ist diese dunkle Epoche der deutschen Geschichte naturgemäß weit weg. Viele indes mahnen, die Beschäftigung damit sei nach wie vor wichtig. Sie mache bewusst, dass Demokratie zerbrechlich ist.

»Wir müssen aus Fehlern lernen«

In der Schule haben die Elf- bis Achtzehnjährigen natürlich von den Jahren 1933 bis 1945 gehört. In den Familien wird aber nicht mehr so häufig darüber gesprochen. Schließlich können meist höchstens noch die Großeltern aus eigener Kindheitserfahrung davon berichten. Zeitzeugen in und außerhalb der Familie befragt zu haben, sei eine wertvolle Erfahrung gewesen, erklären die Jugendlichen in ihren Arbeitsberichten einhellig. Geschichte wurde für sie lebendig.

»Während des Projektes musste ich immer wieder daran denken, was Hitler getan hat und was die anderen Länder Schlimmes getan haben. Und wie viele unschuldige Menschen einfach getötet wurden«, schreibt Benedikt Allendörfer. Sein Uropa kam 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Einzige Lebenszeichen in den Jahren zuvor waren einige Postkarten, auf denen beispielsweise stand: »In wenigen Tagen wird unser Junge fünf Jahre alt und ich habe ihn noch nicht einmal richtig gesehen. Manchmal möchte man fast verzweifeln, aber immer ist es die Hoffnung auf ein Wiedersehen, was einen noch hält.« Benedikts Großvater, der besagte Fünfjährige von damals, berichtet: Als »anderer Mensch« sei sein Vater zurückgekehrt. Er habe nie von der Gefangenschaft erzählt.

Amelie Hofmann und Leonie Reinhardt erforschten Flucht und Vertreibung in ihren Familien. Eine Interviewpartnerin weinte, als sie erzählte, wie sie als junge Frau im Sudetenland mit anderen zusammen zusehen musste, als deutsche Soldaten am Fluss erschossen wurden. Eine Familie aus Pommern vergrub vor dem Fußmarsch gen Westen Wertvolles im Garten in der Hoffnung, bald zurückzukommen. Zwar unterscheide sich die Situation der Neuankömmlinge damals und heute, betonen die Achtklässlerinnen, doch: »Vielleicht sollten wir etwas von der Offenheit der Menschen von damals lernen und den Flüchtlingen mit gesundem Menschenverstand begegnen.«

Amina Tahira Diabs Urgroßmutter hatte Ostpreußen nicht rechtzeitig verlassen. Unter sowjetischer Herrschaft erlebte die junge Frau Misshandlungen und derartigen Hunger, dass sie »Hafer aus Pferdeäpfeln« kratzte. Zeitlebens habe sie unter Schlafstörungen und schweren Angstzuständen gelitten.

Bis heute schwirrten vielen »Bilder und Gerüche im Kopf herum«, stellte auch Lena Sophie Weigel fest. Sie schrieb über die Bombardierungen 1944 in Gießen und Kleinlinden, ebenso wie Paul Dreysse. Eine damals Dreijährige erinnert sich »an die Angst, wenn der Alarm kam« - aber auch daran, wie »spannend« ihr zehnjähriger Bruder die Flugzeuge fand. Die Mutter hatte ihre liebe Not, ihn in den Keller zu bringen.

1945 kamen die Amerikaner - und blieben 62 Jahre lang. Die Besatzung wirkte auf die meisten Zeitzeugen trotz der Wohnraum-Beschlagnahmungen positiv, stellte Maja Rexin fest. In den ersten Jahren leisteten sie Hilfe beim Wiederaufbau und bei der Ernährung der Schulkinder sowie vielfältige Bildung im Amerikahaus, später gab es zahlreiche beliebte Arbeitsplätze im Depot.

Lena Ebbert interviewte ihre Großmutter und fand deren Schilderungen von Diktatur und Krieg »erschreckend«. »Gerade heutzutage, wo rechte Parteien immer stärker werden, finde ich, dass wir uns die Vergangenheit wieder stärker vor Augen führen müssen«, bilanziert Lena. »Diese schreckliche Geschichte darf sich niemals wiederholen, wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.«

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