08. März 2019, 19:00 Uhr

Mensch, Gießen

Heide Blum: Auf Ärger folgt Engagement

Heide Blum weiß genau, warum sie sich für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Frauenrechte engagiert. Mitunter wird sie belächelt. »Ich kann auch austeilen«, sagt die 78-Jährige selbstbewusst.
08. März 2019, 19:00 Uhr
Heide Blum im Frauenkulturzentrum nahe dem Kirchenplatz. Selbstredend ist sie Mitglied im Elisabeth-Selbert-Verein, der dieses Projekt ausdauernd und letztlich erfolgreich durchgesetzt hat. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

Zum Dossier


Bundesverdienstkreuz! Wieso das denn? Und will mir das am Ende einer überreichen, mit dem ich so gar nicht einverstanden sein kann? Heide Blum war nahe daran, die Ehrung abzulehnen. »Dann habe ich mir gesagt: Für irgendetwas kann es nützlich sein. Wir haben dann bei der Feier 500 Euro gesammelt und damit den Verhütungsmittelfonds des Landkreises gegründet.« Mit verschmitztem Lächeln erzählt die 78-Jährige diese Episode aus dem Jahr 2008, die typisch ist für sie. Etwas Sinnvolles anstoßen – eine Herzenssache. Dafür nimmt sie sogar in Kauf, einmal im Mittelpunkt stehen zu müssen.

Mit dem offenen Blick unter dem weißen Pagenkopf, der bedächtigen Sprechweise, mit ihren unaufgeregten, für das Gute und Richtige plädierenden Leserbriefen kann Heide Blum auf den ersten Blick naiv wirken. In Wirklichkeit tritt sie seit Jahrzehnten hartnäckig und sachkundig ein für Frieden, Frauenrechte und soziale Chancengleichheit – aus tief empfundener Überzeugung, häufig auch aus Empörung. »Ich habe mich so geärgert«, dieser Satz fällt immer wieder im GAZ-Interview. Und fast jedesmal folgt: Sie hat gehandelt.

Ungerecht fand die junge Heide beispielsweise, dass sie nicht aufs Gymnasium durfte. Das war schlicht nicht üblich für ein Mädchen vom Land aus einfacher Familie. Konsequenz: Viel später engagierte sie sich jahrelang im Gesamtschulverband für Chancengleichheit. Dass sie am heutigen Frauentag möglicherweise – falls der Dienst im Textilbündnis-Laden es zulässt – am »Flashmob« zum Abtreibungsrecht beteiligt, hat ebenfalls frühe Wurzeln. »Der Paragraf 218 hat mich von klein auf beschäftigt. Im Dorf wurde immer mal herumerzählt, wo ›etwas passiert‹ ist – und dass die wenigen reichen Familien das ›in der Schweiz regeln‹ können.«

Ich habe als Kind immer gearbeitet. Meine erste Putzstelle hatte ich mit zehn, elf Jahren. Ich fand das nicht schlimm

Heide Blum

Die »Frauen für den Frieden« in Gießen hat Heide Blum 1981 mitgegründet. Das habe vielleicht zu tun mit den frühen Kinderjahren, »wo wir zeitweise in einem Bergloch am Rhein gewohnt haben.« Die junge Büroangestellte ärgerte sich über »übergriffige« Chefs und beobachtete, dass auch Kolleginnen wohlweislich auf stets geöffnete Türen achteten – später trat sie im Kreistag für die Förderung des Frauenhauses und des Selbstbehauptungsvereins »Unvergesslich weiblich« ein.

Geboren wurde Heide Blum 1940 im Emsland. Als sie neun Jahre alt war, zog die Familie in die Wetterau. In Himbach wuchs sie als Zweite von fünf Geschwistern auf. »Die Eltern waren geschieden, es war nie Geld da. Ich habe als Kind immer gearbeitet. Meine erste Putzstelle hatte ich mit zehn, elf Jahren. Ich fand das nicht schlimm. Man ist ja auch ein bisschen stolz, wenn man Verantwortung trägt und das schafft.«

Stark geprägt wurde sie von der Arbeiterwohlfahrt, die im Dorf eine Kindergruppe unterhielt. Dort spielte die junge Heide Theater, später war sie Betreuerin in Zeltfreizeiten. »Meinen ersten Urlaub habe ich so in Grünberg verbracht.« Gewerkschaftsmitglied zu werden, war für sie selbstverständlich.

Nach Volksschule und Handelsschule machte sie eine Ausbildung in einem Architektenbüro, wo sie ihren Mann kennen lernte. Nach der Heirat 1962 zog sie nach Hausen, heute Stadtteil von Pohlheim. Als 1963 das erste der drei Kinder geboren wurde, gab sie die Berufstätigkeit wie damals üblich auf – und wurde ehrenamtlich um so aktiver. »In Hausen gab es keinen Kindergarten. Also haben wir einen gegründet.« Klar, dass sie in sämtlichen Elternbeiräten aktiv war; »nebenbei« bildete sie sich in Funkkollegs zu Bildung und Erziehung weiter und machte eine Ausbildung zur Montessori-Pädagogin. Sie war seit 1970 im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) des SPD-Unterbezirks Gießen, einige Jahre war sie Co-Vorsitzende. Acht Jahre lang führte sie die Arbeitsgemeinschaft Gießener Frauenverbände.

1985 stieg sie wieder in den Beruf ein. In den letzten zwölf Jahren bis zur Rente war sie im Regierungspräsidium tätig und dort auch Mitglied im Personalrat.

Worauf ich stolz bin: Meine Familie. Was ich bereue: Dass ich nie den Führerschein gemacht habe

Heide Blum

1989 zog Heide Blum für die SPD in den Kreistag ein, dem sie acht Jahre angehörte. »Da haben mich all meine Themen wieder eingeholt. Ich war in der ersten Sitzung ausgesprochen nervös, weil ich da vorne hin und für die Einrichtung eines Frauenausschusses reden musste. Aber dann ging es.« Dennoch, das Streiten für Frauen- und Umweltbelange empfand sie häufig als »frustrierend«.

Globale Themen mit offenen Augen wahrnehmen und vor Ort das Mögliche tun, um die Welt ein wenig zu verbessern: Diesem Grundsatz folgt sie mit den »Frauen für den Frieden«, mit dem Textilbündnis für fairen Kleiderhandel, als Mitgründerin der Frauen-Agendagruppe oder im Aktionsbündnis gegen das transatlantische Handelsabkommen TTIP. Für ihre klare Positionierung wird sie mitunter angegriffen. Die 78-Jährige winkt ab: »Ich kann auch austeilen.«

Worauf ist sie stolz? Heide Blum nennt weder politische Erfolge noch Ehrungen, sondern »meine Familie«. Dazu gehören neben den drei Kindern mittlerweile zwei Enkelinnen und eine Urenkelin. Eines bereut sie: »Dass ich nie den Führerschein gemacht habe. Ich bin so gern Fahrrad gefahren, dass ich irgendwie nie dazu gekommen bin.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abtreibungsrecht
  • Arbeiterwohlfahrt
  • Chancengleichheit
  • Elternbeirat
  • Frauenrechte
  • Frieden und Friedenspolitik
  • Führerschein
  • Gerechtigkeit
  • Gießen
  • Kreistage
  • Mensch Gießen
  • SPD
  • Selbstbewusstsein
  • Soziale Gerechtigkeit
  • Gießen
  • Karen Werner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen