22. Oktober 2010, 18:34 Uhr

Helge Braun seit einem Jahr Staatssekretär

Gießen (mö). Vergangenen Montagmittag im »Dach-Café« über den Dächern Gießens. Treffen mit Dr. Helge Braun, der seit einem Jahr Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung ist. Aus diesem Grund führte die Gießener Allgemeine Zeitung ein Gespräch mit dem 38-jährigen Gießener über dessen Arbeit.
22. Oktober 2010, 18:34 Uhr
Seit einem Jahr ist Dr. Helge Braun Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungs- und -forschungsministerium. (Foto: pv)

Die Unterhaltung mit dem CDU-Politiker aus Anlass seines »Einjährigen« dauert fast zwei Stunden. Zwischendurch fällt eine Zahl. Es gebe in der Bundesrepublik rund 300 000 im Grunde hochqualifizierte Migranten, die unter ihren Möglichkeiten arbeiten müssten. Den »Physiker aus Indien, der Taxi fährt«, nennt Braun als Beispiel. Am Abend zu Hause, es laufen die Hauptnachrichtensendungen im Fernsehen. Topthema des Tages: Der Fachkräftemangel in Deutschland. Brauns Chefin Annette Schavan sagt in die Mikrofone, dass sich Deutschland den Luxus von »Physikern aus Indien, die Taxi fahren«, nicht länger leisten könne. Der 38-jährige Gießener scheint im Berliner Regierungsbetrieb angekommen zu sein, und zwar mittendrin - statt nur dabei.

Dass der promovierte Arzt, der bereits von 2002 bis 2005 im Bundestag war, einen solchen Karriereschritt machen würde, war nicht absehbar. Im Gegenteil: Brauns Platz auf der Landesliste der hessischen CDU war alles andere als sicher, und mit dem SPD-Dauerbrenner Rüdiger Veit war da einer, der auf das Direktmandat im Wahlkreis 174 abonniert schien. Aber dann stürzten die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl am 27. September vergangenen Jahres ab und Braun gewann den Wahlkreis.

Einen Monat später - in Berlin klärte Schwarz-Gelb gerade die letzten Personalien der Regierungsbildung - stand er in einer Schlange vor der Kasse eines Gießener Supermarkts, als sein Handy klingelte. Braun erinnert sich: »Man sagte mir, ich solle mich bereithalten. Man hätte Fragen an mich.« Wochen später schrieb das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«, Kanzlerin Merkel habe der widerborstigen Vertriebenenvorsitzenden Erika Steinbach den Job einer Parlamentarischen Staatssekretärin im Bildungsministerium angeboten, um die Abgeordnete aus Frankfurt ruhigzustellen. Steinbach habe abgelehnt. Die Sache sei damals »extrem aufgebauscht« worden, findet Braun und fügt hinzu: »Ein Staatssekretär muss in den Fachgebieten seines Ministeriums seine Heimat haben.« Er will damit wohl sagen: Ich war erste Wahl!

Sein Anspruch erscheint nachvollziehbar; nicht nur, weil er Mediziner ist, sondern weil er die Gebiete Bildung und Forschung bereits während der verkürzten Legislaturperiode bis 2005 beackert hatte. Damals war das MdB aus Gießen Teil einer Oppositionsfraktion, heute ist er - als einer von drei Hessen - Teil der Bundesregierung. Ein »Unterschied wie Tag und Nacht« sei das. Braun spricht von »200 Themen, die uns hier bewegen«, von einem »hohen Abstimmungsbedarf« innerhalb der Regierung und »starken äußeren Einflüssen«, denen man ausgesetzt sei. Seine Wochenarbeitszeit schätzt er auf »sieben mal 16 Stunden minus acht« - das Minus ist die freie Zeit am Wochenende. Missen möchte der im Neubaugebiet Schlangenzahl lebende Ex-Stadtverordnete dieses Leben nicht. »Das bedeutet zwar einen beträchtlichen Verlust an persönlicher Freiheit, aber den großen Gewinn, die Wissenschaftslandschaft in Deutschland aktiv gestalten zu können.« Sie über ein Netzwerk »auf Augenhöhe mit den Spitzenunis dieser Welt« zu bringen und wissenschaftliche Exzellenz in festen Strukturen zu sichern, ist eines der großen Ziele des Gießeners.

Wenn er »wir« sagt, meint er sein Ministerium. »Wir haben die Fachkräftediskussion angestoßen«, stellt Braun fest und spricht von einer »gigantischen gesellschaftlichen Aufgabe«, die Lücken zwischen dem Angebot des Arbeitsmarkts und der Nachfrage der Unternehmen zu schließen. An den Zuspitzungen der Integrationsdebatte dieser Tage mag sich Braun nicht beteiligen. Sein Eindruck: »Der Anteil derjenigen, die sich nicht integrieren, ist geringer geworden. « Lieber spricht er über »unseren Entwurf eines Anerkennungsgesetzes«, damit gut ausgebildete Zuwanderer im Ausland erworbene Abschlüsse hier auch zügig nutzen können.

Auch die Diskussion, wie konservativ die CDU (noch) ist, hat aus Sicht des 38-Jährigen stellenweise seltsame Blüten getrieben. »Konservativ« und gleichzeitig »modern« sieht er sich selbst - und die allermeisten in der Union. »Ich kenne keinen bei uns, der Abtreibungen wieder verbieten oder die Rechte von Homosexuellen zurückschneiden will«. Streitereien »über historische Abläufe im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs« weisen aus Sicht Brauns für seine Partei jedenfalls nicht in die Zukunft. Wichtigster Markenkern der Union sei eine »saubere Wirtschaftspolitik«.

Und dieser Anspruch sei untrennbar mit dem Thema Innovation verbunden. Insofern sieht der Forschungspolitiker Konflikte um Projekte wie Stuttgart 21 mit Sorge. Er habe nichts gegen eine Mediation, die über technische Problemstellungen und Sicherheitsfragen aufkläre und zu Nachbesserungen an einer Planung führe, sieht aber Gefahren für die »großindustrielle Kompetenz« Deutschlands, die gerade jetzt geholfen habe, die Wirtschaftskrise besser als andere bewältigen zu können. Braun: »Was den Arbeitsmarkt betrifft, haben wir in Deutschland unsere Hausaufgaben gemacht. Unser Wachstumsmotor ist die Hochtechnologie. Überall auf der Welt sind es doch deutsche Ingenieure, die gefragt sind, wenn es schwierig wird.«

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