25. März 2019, 21:27 Uhr

Hilfe schon vor Erkrankung

25. März 2019, 21:27 Uhr

Von Karen Werner , 1 Kommentar
Sie wollen möglichst eingreifen, bevor ein junger Mensch »abdriftet«. Klinikchef Christoph Mulert (M.) und sein Team des Früherkennungszentrums. (Foto: Schepp)

Für viele ist sie die schönste Zeit im Leben. Doch die Jugend ist auch eine Phase, in der die Seele besonders verletzlich ist und Weichen in fatale Richtungen gestellt werden können. Als leicht zugängliche »Brücke« in ein möglichst gesundes, selbstbestimmtes Leben soll nun das Früherkennungszentrum für psychische Erkrankungen an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie wirken. Willkommen sind dort auch junge Erwachsene, bei denen eine Psychose oder Schizophrenie noch gar nicht ausgebrochen ist.

Drei Viertel der psychischen Erkrankungen entstehen vor dem 25. Lebensjahr, sagte Klinikleiter Prof. Christoph Mulert am Montag bei der feierlichen Eröffnung vor rund 100 Gästen. In Gießen, Hessens jüngster Stadt mit einem Durchschnittsalter von 39 Jahren, sei frühe Hilfe besonders nötig. Mulert dankte den Mitarbeitern für ihr Engagement und dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH für die Unterstützung, etwa in Form einer Arztstelle in der Aufbauphase.

»Heute ist ein Glückstag für die Menschen in der Stadt und der Region«, meinte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Das Zentrum schließe eine Versorgungslücke. Zudem setze es die »wertvolle Tradition« fort, die Ehrenbürger Horst-Eberhard Richter begründet habe. Seelische Störungen anzugehen, sei Sache der ganzen Gesellschaft.

Psychische Gesundheit sei »wichtiger denn je«, erklärte der Ärztliche UKGM-Geschäftsführer Prof. Werner Seeger. Aus gutem Grund habe die Psychiatrie bei der Umgestaltung des Klinikums einen eigenen Gebäudekomplex erhalten. Der Hörsaal, in dem nun die Eröffnung begangen werde, habe vor 100 Jahren schon einmal historische Bedeutung erlangt: Hier nahm Georg Haas den ersten künstlichen Organersatz an einem Menschen vor, die Dialyse.

Welch große Belastung es für die ganze Familie bedeutet, wenn ein Mensch »den Verstand verliert«, skizzierte Dr. Gerhard Weißler von der Angehörigengruppe Mittelhessen. Früherkennung müsse vor allem diejenigen erreichen, die noch in der Lage seien zu erkennen, dass sie »abdriften«. Später fehle den Betroffenen oft die Einsicht, dass sie Hilfe brauchen.

Großstadt-Kindheit als Risiko

Marco Auernigg, Psychiatriekoordinator im Gesundheitsamt des Kreises Gießen, hob die lebenslangen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen bei zu spätem Eingreifen hervor. Er freue sich, dass die Klinik seit 15 Jahren im Gemeindepsychiatrischen Verbund fest verankert sei.

Prof. Joachim Klosterkötter aus Köln, laut Mulert »Vordenker« der Früherkennung, plädierte für ein vorbeugendes Eingreifen schon deshalb, weil die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt seien. Psychische Krankheiten raubten nicht nur dem Betroffenen, sondern der ganzen Gesellschaft sehr viele Lebensjahre. Zu den Risikofaktoren gehören Sauerstoffmangel bei der Geburt, das Aufwachsen in einer Großstadt oder »Kiffen«. Prävention könne von besserer Betreuung von Schwangeren – um Mangelsymptome beim Fötus zu vermeiden – bis zum Angebot der Bewältigungshilfe nach Traumata reichen.

Prof. Andreas Meyer-Lindenberg präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse zur Früherkennung. Mitarbeiter der Gießener Klinik stellten schließlich deren Angebot vor.

Die neue Ambulanz steht jungen Erwachsenen ab 18 Jahre und ihren Familien offen. Näheres unter Tel. 0641/985-45720 oder Mail psych.frueherkennung.giessen@uk-gm.de.

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