01. April 2019, 22:00 Uhr

Im Ausnahmezustand

Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung« ist Abiturstoff. Kein Wunder also, dass das Prosawerk aktuell von zahlreichen Theatern auf die Bühne gebracht wird. In Gießen inszeniert Christian Fries seine Version: comicartig überzeichnet, mit Sinn für die psychologischen Abgründe des Textes und mit einer unerwarteten Portion Humor.
01. April 2019, 22:00 Uhr
Gregor (Pascal Thomas, l.) bleibt auch nach seiner Verwandlung im Grunde Mensch. Seiner Familie ist er aber auch so unheimlich. (Foto: Regel)

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.« Wer kennt ihn nicht, diesen berühmten Einleitungssatz aus Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung«. In Christian Fries’ Inszenierung des Prosatextes auf der taT-Studiobühne fällt er aber nicht. Und auch die Verwandlung des jungen Gregor wird nicht als augenfällige Metamorphose in einen ekelerregenden Kakerlak vorgeführt. Fries geht es vielmehr um die inneren Zustände der Hauptfigur und was dessen Rückzug aus Abhängigkeit und Erwartungsdruck – eher Depression oder Burnout als tatsächliche Verwandlung – bei den Menschen um ihn herum auslöst.

In »Adams Family«-Optik

Was tun mit einem Text, der ohne große Dialoge auskommt, und auf der Bühne Wirkung entfalten soll? Fries, in derlei Aufgabenstellungen ohnehin sehr erfahren, nutzt das Mittel der Zuspitzung in der Reduktion, schafft eine groteske Symbiose aus Realität und Fantasie. Seine vier Darsteller – von Ausstatterin Imme Kachel auf der nahezu nackten Bühne in »Adams Family«-Optik eingekleidet und geschminkt – brabbeln teilweise unverständliches Zeug, machen Geräusche, wie sie in Comics mit markigen Lettern gezeichnet sind, und von Fries selbst gestaltete Instrumentenklänge unterstreichen die verstörende Atmosphäre.

Schon wenn Lukas Goldbach, der den despotischen Vater spielt, zu Beginn ins Mikrofon röchelt, weiß das Publikum, was es in den folgenden 85 Minuten erwartet. Da liegt Pascal Thomas, der den Gregor gibt, noch im Bett. Seine Nachtwäsche wird er nicht ablegen, seine ihn und seine Familie verstörende Verwandlung wird sich optisch nicht mehr als in einem muffigen Pelzmantel und später einem kurzen Auftritt mit Insektengummikopf ausdrücken.

Doch Thomas gelingt es, die Not Gregors auch ohne plakative Hilfsmittel zu verkörpern. Mit seinem bleich geschminkten Gesicht, den schwarzen Augenschatten, den seine Seelenpein ausdrückenden Verrenkungen ist er die Inkarnation eines Gequälten, der im Rückzug die einzige Chance zur Existenz sieht und zugleich gegenüber seiner Familie Aggressionen auslebt. Er wird zwar zum Aussätzigen, zum ekelerregenden Fremdling, und bleibt doch auch Mensch. Ihn und seine Familie trennt aber mehr als die dünne Plastikhaut, die seitlich von der Bühnendecke hinabhängt. Missbrauch, Verrat, Inzest, verquere Sexualität – kurze Andeutungen reichen, um einen ersten Blick in die innerfamiliären Abgründe zu eröffnen, mehr allerdings auch nicht.

Ein Entrinnen aus dem Ausnahmezustand gibt es nicht. Dass Gregor am Ende stirbt und seine Familie erleichtert ist, ist nur die logische Konsequenz aus dem kollektiven Versagen – auch seiner Eltern, die dem Zustand ihres Sohnes kaum mehr als spitze Schreie (Mutter: Astrid Kohlhoff) oder Drohgebärden (Vater: Lukas Goldbach) entgegenzusetzen haben.

Maximilian Schmidt obliegt es, als Gregors zwiespältige Schwester Grete und anfangs auch im schnellen Rollenwechsel als Prokurist, die skurril-witzigen Momente der Erzählung hervorzukitzeln. Wenn er einen Gummipenis aus Gretes Kleid hervorzieht und sich im fliegenden Wechsel die feuerrote Perücke vom Kopf reißt, dann kann man sich schon vorstellen, dass Kafka selbst beim Vorlesen seiner Texte Lachkrämpfe bekommen haben soll.

Kollektives Versagen

Aber manchmal kann Lachen eben auch einfach nur eine Verlegenheitsgeste sein, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und manchmal ist der eher moderate Applaus der Zuschauer am Ende auch ein Indiz dafür, dass man über das eben Gesehene erst nocheinmal in Ruhe nachdenken will, bevor man unmissverständlich Stellung bezieht. So wie Kafkas Text jede Menge Interpretationsspielraum bietet, so bleibt auch Fries’ Inszenierung im Grunde ein Denkanstoß mit Nachhall.

Weitere Vorstellungen folgen am Freitag, 5. April; Samstag, 4. Mai; Sonntag, 12. Mai.

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