28. Juli 2019, 14:00 Uhr

Russlanddeutsche

Im Gießener Mix-Markt gibt es »da!« statt »ja«

Die wenigsten Gießener kennen den Mix-Markt, die Russlanddeutschen schon. Der Laden mit osteuropäischem Sortiment ist für sie ein Stück alte Heimat. Und eine wichtige Anlaufstelle.
28. Juli 2019, 14:00 Uhr

Wenn die Pelmeni an der Oberfläche schwimmen, lässt man sie fünf Minuten kochen, dann holt man sie aus dem Salzwasser. »Ganz einfach«, versichert Olga. Wenn man es so mache, sei die Hackfleischfüllung in den Teigtaschen genau richtig. Wer sich nicht auskennt, hat ein Problem am Mix-Markt-Tiefkühlregal. Was ist bloß der Unterschied zwischen all diesen Nudeln, von denen manche wie Maultaschen und andere wir Ravioli aussehen? Olga ist seit der Eröffnung des Geschäfts im Jahr 2004 Verkäuferin hier, sie hilft gern und erklärt ebenso freundlich wie kenntnisreich, welche Soßen und Beilagen sich gut machen. Auch Paul Wilhelm steht mit Rat und Tat zur Seite. Der Inhaber ist ein zurückhaltender Mann, aber auch er gerät ins Schwärmen, wenn es um die Köstlichkeiten der osteuropäischen Küche geht.

In den Tiefkühl-Beuteln gibt es zum einen die industriell hergestellten Produkte, angeboten werden aber auch handgefertigte Teigtaschen. »Die sind dann etwas teurer, aber sehr gut«. Die Vielfalt in der Truhe spiegelt die Vielfalt der Landesküchen: Es gibt Spezialitäten aus Polen, dem Baltikum, Russland, der Ukraine, Moldawien, Kasachstan, Transkaukasien, Ungarn, dem Balkanraum und der Türkei. Die meisten Produkte werden aber nicht importiert, sondern eigens in Deutschland hergestellt, berichtet Wilhelm. Beliefert werden die knapp 300 deutschen und europäischen Mix-Markte vorrangig von der Unternehmensgruppe Monolith, die auch die Herstellerfirmen betreibt. Während bei Rewe die Eigenmarke »ja!« im Regal steht, heißt es hier »da!«. Und bedeutet dasselbe: Zugreifen, gut und günstig.

Wer kauft bloß diese großen Mengen? Diese Frage drängt sich vor den gefüllten Regalen auf: Riesige Gläser und Konserven mit eingelegtem Gemüse wie Paprika, Gurken, Tomaten und Pilzen. Mal süß, mal sauer, mal salzig. Obst und Gemüse kann man lose kaufen, aber auch in großen Säcken, die eher für Großabnehmer gedacht zu sein scheinen. Das Phänomen kennt man auch an der Fleischtheke. Der größte Unterschied zwischen deutschen und osteuropäischen Kunden ist die Menge, sagt Olga und lacht. »Kein Russlanddeutscher kauft ein Pfund Hackfleisch oder zwei Steaks«. Das Fleisch wird in riesigen Teilstücken angeboten und auf Wunsch zugeschnitten. Mit kleinen Mengen halten sich die Kunden nicht auf. Es wird viel auf Vorrat zubereitet, erklärt der Verkäufer an der Fleischtheke. Entweder werden die fertigen Gerichte eingekocht oder eingefroren. Außerdem wird häufig auch die große Familie und der Freundeskreis mit bedacht. Beim Schaschlik beispielsweise. »Es ist eine Sache der Ehre, die besten Spieße weit und breit zu haben. Jeder hat sein Spezialrezept«.

Ein gutes Beispiel dafür gibt es direkt vor der Tür. Im »Imbiss bei Mixmarkt« - so der schlichte Name - bereiten Katharina Sergeew, Elena Uchalin und Andreas Wetsch ganz besondere Exemplare zu. Riesig, saftig und sehr zart. Worin wurde das Fleisch eingelegt? »Geheim«, sagt Elena und zwinkert verschwörerisch. »Nicht fragen, lieber essen. Nimm noch ein Stück«. Sie kam vor 15 Jahren aus Wolgograd nach Deutschland, vor zwölf Jahren hat sie den Imbiss eröffnet. Eine temperamentvolle, fröhliche Frau, bei der einem unweigerlich das Wort »propper« einfällt. Mittlerweile hilft sie nur noch aus, Tochter und Schwiegersohn führen den Laden. Katharina ist wie die Mutter: Blond, strahlend und selbstbewusst führt sie Regie. Schon früh morgens um 7 Uhr stehen sie in der winzigen Küche, rollen Teig, stechen aus, bereiten die Füllungen für die herzhaften und süßen Teigtaschen vor. Ab 9 Uhr kommen die ersten Kunden. Meist ist der Laden bis zum Abend gut besucht. Aus der Nachbarschaft kommen Rentner und lassen sich ihre Tupperschüsseln füllen, Azubis aus der Berufsschule stehen Schlange, Kunden aus dem Mix-Markt gönnen sich nach dem Einkauf Piroschki und Tschebureki, Bauarbeiter essen vor dem Schaschlik eine deftige Linsensuppe oder einen Teller Borschtsch. Alle Speisen sind frisch und hausgemacht, die Preise sind niedrig. »Es ist für viele wie zu Hause«, sagt Katharina. Normalerweise steht über einem Imbiss wie diesem »Futtern wie bei Muttern«.

Wenn etwas fehlt im Imbiss, geht man schnell nach nebenan in den Mix-Markt. Da gibt es alles. Früher, erzählt Marktleiter Wilhelm, seien fast ausschließlich Russlanddeutsche zum Einkaufen hierher gekommen. Sie bewahrten sich im neuen Land ein Stück der alten Heimat. Das gibt es auch heute noch. Viele Familien aus der Region kommen hierher und erledigen den Wocheneinkauf. Sie beladen ihre Autos mit Großpackungen Reis, Nudeln, Kartoffeln und schleppen bergeweise Obst und eingekochtes Gemüse zur Kasse, außerdem kanisterweise Saft und Öl. Und was um Himmels willen machen die Leute mit diesen ganzen Sonnenblumen- und Kürbiskernen? Wilhelm lächelt. »Knabbern natürlich«.

Die meisten aus der jüngeren Generation gehen auch zu Lidl und Rewe, auf den Wochenmarkt, zum Türken und in den Asia-Laden. Und hängen doch an manchen Dingen aus »ihrem« Mix-Markt: An den quietschbunten Bonbons, der gesüßten Kondensmilch oder den Honigkuchen. Aber der Mix-Markt ist mittlerweile auch multikulturell: Türkische Familien kaufen hier, und junge Leute, die Lust darauf haben, mal etwas Neues auszuprobieren.

Die neuen Mix-Märkte sind viel größer und schicker als seiner im Bantzerweg, weiß Wilhelm. Eigentlich müsste er vergrößern. Doch umziehen will er nicht. Eventuell wird in Kürze umstrukturiert. Vielleicht werden das Reisebüro und der Friseursalon an einen neuen Ort gehen. Das »Haarstudio Style zone« von Elena Zimmermann ist klein. Wer den Salon mit seinen braun-gelb-orangefarbenen Tapeten betritt, begibt sich geradewegs auf eine Zeitreise in die 70er. Alles retro. Die Stammkundschaft schätzt den Laden. »Niemand sonst bekommt einen Fassonschnitt so gut hin«, versichert ein Kunde, die Dame neben ihm würde ebenfalls niemals woanders hingehen.

Am Markteingang kann man Karten für Konzerte russischer Stars kaufen. »Eine Welt für sich«, sagt der Verkäufer. Er ist einer jener zornigen Männer, die sich abgelehnt und verkannt fühlen in Deutschland. Eigentlich will er sich nicht unterhalten, dann bricht es doch heraus. Sein Studium wurde nicht anerkannt, der zweite Versuch hierzulande ging schief. Die Deutschen wollen auch nach vielen Jahren nichts mit ihm und seinesgleichen zu tun haben, meint er. Deshalb sucht er sich nur Freunde in den eigenen Reihen. Seinen Fernseher hat er abgeschafft, für Lügen und Meinungsmache will er kein Geld bezahlen. Er schaut sowjetisches Fernsehen via Internet. Das, sagt er, sei wenigstens echt. In seinem Laden kann man Bücher und Mitbringsel kaufen. Ein Putin-Matruschka zum Beispiel oder eine Plastik-Kalaschnikow gefüllt mit Wodka. Aber im Prinzip, gibt er zu, will das Zeug eigentlich kaum jemand.

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